Interview: Das Leben macht keine Pause - Reiner von Kamen
Behinderte auf dem Bauernhof? Durchaus vereinbar, meint Reiner von Kamen, der seit 30 Jahren einer Dorfgemeinschaft mit Behinderten vorsteht. Allerdings nur, wenn man auf moderne Landwirtschaft verzichtet und sich ganz an der Betreuung ausrichtet. // Martin Fütterer
Was bringt einen landwirtschaftlichen Betrieb dazu, sozialtherapeutische Betreuung anzubieten?
Der erste Bauckhof in Klein Süstedt wurde ja schon 1932 von Eduard Bauck auf biologisch-dynamische Wirtschaftsweise umgestellt und damit hielt auch die Anthroposophie von Rudolf Steiner in die Familienkultur Einzug. Die nächste Generation, also Hans-Christian, Jürgen, Joachim, Michael und Helene Bauck, hat dann in den 60er-Jahren diesen Impuls vertieft. Als junge Menschen haben sich die Geschwister andere anthroposophische Einrichtungen angeschaut, darunter auch die sozialtherapeutischen Einrichtungen Camphill am Bodensee, eine Bewegung mit Standorten in der ganzen Welt. Die Verbindung von Landwirtschaft und sozialtherapeutischer Betreuung für Menschen mit Handicap hat ihnen so gefallen, dass sie schon in den 60er-Jahren damit begannen, Behinderte auf ihren Höfen zu betreuen. 1970 widmete man den Hof Stütensen ganz diesem Zweck.
Wie gut passen Landwirtschaft und sozialtherapeutische Betreuung zusammen?
In den 70er-Jahren haben sich biologischer Anbau und sozialtherapeutische Betreuung auf natürliche Weise ergänzt. Der biologische Anbau bot Vielfalt und viel Handarbeit, die wiederum sehr geeignet war für Menschen mit einem geistigen Handicap.
Das hat sich inzwischen geändert?
Ja, auch im biologischen Landbau musste man sich als Marktbetrieb stark spezialisieren und mechanisieren. Für die Betreuung wäre immer weniger Raum geblieben. Wir haben uns deswegen dazu entschieden, den Betrieb zu 100 Prozent an der Betreuung unserer Bewohner auszurichten. Wir machen weiterhin möglichst viel mit der Hand, wo andere Maschinen einsetzen, und erlauben uns eine Vielfalt, die anderswo unrentabel wäre. Im Moment planen wir sogar, wieder Pferde für die Landarbeit und beim Holzrücken einzusetzen.
Dann finanzieren Sie sich auch im Wesentlichen über die Betreuung?
Ja, die Pflegesätze für unsere 30 Bewohner machen 80 Prozent unserer Einnahmen aus, über unsere Produkte erlösen wir weitere 20 Prozent.
Welche Behinderungen sind auf dem Hof vertreten?
In erster Linie leben bei uns Menschen mit geistigen Behinderungen: Menschen mit Down-Syndrom, Autismus, Epilepsie, Hysterie, aber auch Menschen mit Hirnschäden, zum Beispiel durch Alkohol während der Schwangerschaft. Bei Altersgebrechlichkeiten kommen körperliche Einschränkungen hinzu. Wir haben auch Rollstuhlfahrer oder Suchtfälle.
Worin besteht das Therapiekonzept?
Arbeit mit dem Lebendigen – Pflanzen und Tiere, die permanente Verantwortung und Pflege brauchen. Anders als in einer beschützenden Werkstatt mit handwerklicher Produktion, läuft der landwirtschaftliche Betrieb sieben Tage die Woche und 365 Tage im Jahr. Es gibt einen unmittelbaren Sinn in der Arbeit: Ein Tier hat Hunger und Durst, eine Pflanze braucht Pflege und die Ernte muss eben am Wochenende eingebracht werden, wenn das Wetter danach ist. Das Leben macht keine Pause.
Welche Angebote gibt es neben der Arbeit?
Unsere Bewohner sollen sich vielseitig entwickeln können, deswegen gibt es jeden Tag und vor allem am Wochenende viele Freizeitangebote. Zum Beispiel Malen, Töpfern, Eurythmie, Volkstanz, Reiten, Judo, Kino- und Theaterbesuche.
Betreuer und Bewohner leben in einer Dorfgemeinschaft von etwa 80 Menschen. Ist das allgemein üblich?
Nein, das ist schon etwas Besonderes. Wir haben hier von Anfang an den Ansatz, eine Lebensgemeinschaft auf der Grundlage eines landwirtschaftlich geprägten Betriebes zu bilden, bei der die Betreuer nach Feierabend nicht in eine andere Welt entschwinden. Hier leben wir in permanenten Beziehungen, auch wenn natürlich jeder seine Privatsphäre hat. Aber man braucht nur aus der Haustür zu treten und schon ist man wieder in der Gemeinschaft. Dieses Nachbarschaftliche, aufeinander Bezogene ist uns wichtig, jeder soll von jedem lernen können.
Was haben Sie schon von den Bewohnern gelernt?
Ich habe mich zum Beispiel eine ganze Zeit über einen unserer Bewohner geärgert, der in einer für mich unerträglich langsamen Weise den Tisch deckte. Aber eines Tages habe ich entdeckt, dass er nie irgendwas vergessen hat. In seiner Langsamkeit war auch Sorgfalt und Liebe zum Detail. Das hat mir zu denken gegeben, auch langsamer und sorgfältiger zu verfahren und nicht immer von Punkt zu Punkt zu hetzen und anderen Halbfertiges zu hinterlassen.
Wie verhalten sich die Bewohner in sozialer Hinsicht?
Da kann man wirklich von ihnen lernen! Sie gehen unbefangen und unvoreingenommen auf jeden zu, sie sind sehr auf Geselligkeit aus und neigen nicht so zur Vereinzelung wie wir „normalen“ Menschen. Allerdings kann das sympathisch Offene auch schnell umschlagen ins Ängstliche oder Aggressive. Sie sind oft gleichzeitig distanzlos und schutzlos und wir Betreuer müssen sie manchmal auch vor sich selbst oder vor anderen schützen. Das gilt gerade auch bei den Paaren, die es hier auf dem Hof durchaus gibt. Da vereinnahmt einer den anderen unter Umständen so vollständig, dass wir eingreifen und seine Freiheit wieder herstellen müssen.
Wo stellt einen die Gemeinschaft auch auf die Probe?
Zum Beispiel bei der Frage: Habe ich heute frei? Kann ich loslassen? Nervt es mich, wenn andere mich in meiner Freizeit ansprechen oder kann ich Anliegen souverän von mir weisen? Klar, wenn die Kühe abgehauen sind, dann wird man nicht auf dem Feierabend bestehen.
Können Sie loslassen?
Dabei hilft mir meine Frau. Wenn sie fragt, wann wir mal wieder etwas gemeinsam machen, dann weiß ich – jetzt ist es Zeit, loszulassen.
Muss man überhaupt loslassen, wenn einen die Arbeit ganz ausfüllt?
Auf jeden Fall. Wir geben deswegen jedem Mitarbeiter – für einen landwirtschaftlichen Betrieb ist das völlig unüblich – drei Wochen am Stück Urlaub und empfehlen: So weit weg wie möglich!
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