Interview: Mit Bio und Mentaltraining zu den olympischen Spielen - Britta Steffen

Sie war die große Hoffnung als Nachfolgerin von Franziska van Almsick. Dann brach ihre Leistung ein. Mit Bio, Mentaltraining und Hightech-Ausrüstung schaffte sie das Comeback und ist eine hochgehandelte Kandidatin für Medaillen in China. // Martin Fütterer, Foto Christian Thomas

Hallo Britta, du kommst gerade vom Braingym, was ist denn das?

Wir versuchen, die rechte und linke Gehirnhälfte in Einklang zu bringen, dazu massieren wir verschiedene Punkte am Körper synchron, zum Beispiel Nabel und Steißbein oder den Bereich über den Augenbrauen.

Nehmen solche mentale Trainingsmethoden einen großen Raum ein?

Ja. Wir visualisieren alle einzelnen Stufen des Wettkampfes, zum Beispiel einen guten Start, aber auch Situationen, die schief gehen könnten, zum Beispiel, wenn vor dem Start die Brille verloren geht.

Was macht man dann?

Erst mal: Keine Panik – und dann greift man sich die Ersatzbrille, die man immer dabei hat.

Zusätzlich zum Mannschaftstraining hast du auch noch eine persönliche Mentaltrainerin, was macht die?

Wir arbeiten u.a. mit Kinesiologie. Frau Dr. Janofske stellt mir Fragen und testet an meinem Muskelwiderstand, ob ich wirklich meine, was ich sage. So haben wir heraus gefunden, dass ich eine Zeitlang nicht wirklich gewinnen wollte. Ich war ja Trainingsweltmeister, aber wenn es darauf ankam, dann habe ich versagt. Ich wollte den anderen die Peinlichkeit ersparen, zu verlieren.

Hat es geholfen?

Mit Hilfe verschiedener Mentaltechniken habe ich mein Tief 2005 überwunden und seither ist meine Leistung konstant.

Dein Comeback 2006 mit all den Weltrekorden war dann für manche überraschend…

Ja, das Wort Doping stand sofort im Raum. Dass ich einfach wieder zu mir selbst gefunden hatte und – nicht zuletzt – in einem neuartigen Langanzug schwamm, wollte niemand hören.

Macht so ein Anzug soviel aus?

Aber sicher. Als Frau erreiche ich eine Absprunggeschwindigkeit von etwa vier Meter pro Sekunde, die im Wasser sofort auf zwei Meter pro Sekunde herunter gebremst werden. Ein Anzug der mich nur halb so stark bremst, verschafft mir auf den ersten 25 Metern einen Gewinn von einer Sekunde, ohne dass ich dafür mehr tun muss. Außerdem erhöht der Anzug wie ein Kompressionsstrumpf die Fließgeschwindigkeit des Blutes, es kommt mehr Sauerstoff in die Muskeln und die Entschlackung geht schneller. Die Muskeln sind stärker vorgespannt, ohne dass man dafür vor dem Wettkampf wertvolle Energie mit Liegestützen und Kniebeugen vergeuden muss.

Muss man hinterher einen Preis dafür bezahlen?

Nein, sogar die Regeneration ist besser.

Inzwischen haben fast alle Schwimmerinnen so einen Anzug, hat das die Doping-Vermutungen zum Schweigen gebracht?

Ich werde jedenfalls so oft untersucht wie keine andere Schwimmerin im Team, allein dreimal in den letzten sieben Tagen, unangekündigt natürlich. Mir ist das Recht, auch wenn es jedesmal ein bis zwei Stunden kostet und den Trainingsplan durcheinander bringt. Ich wollte ja freiwillig mehr Untersuchungen machen, aber dafür stehen zuwenig finanzielle Mittel zur Verfügung. Und selbst bezahlen konnte ich es auch nicht, das wäre dann nicht mehr unabhängig genug gewesen. Wenn ich jetzt gewinne, bin ich sauber. Wenn jemand gewinnt, der kaum getestet wurde, hat er ein Erklärungsproblem.

Kinesiologie wird ja auch gerne verwendet, um Lebensmittel auszutesten…

Ja, das haben wir seit meinem Neustart 2005 auch gemacht. Ich halte dann die Augen geschlossen und halte verschiedene Lebensmittel in der Hand, während Frau Dr.Janofske wie gesagt meinen Muskelwiderstand testet. Es sind meistens die teuersten und besten Lebensmittel, meistens aus dem Bioladen, die für mich die besten sind. Ich bin dadurch beim Essen viel bewusster geworden, kann besser schmecken, was mir gut tut und esse weniger Masse, dafür mehr Qualität. Das Gefühl, mir da etwas Gutes zu tun und Lebensmittel mit einer guten Energie zu mir zu nehmen, trägt viel zu dem Körpergefühl bei, dass ich für gute Leistungen brauche.

In dem Hotel, in dem ihr untergebracht seid, ist von Bio nichts zu sehen.

Ja, das ist ein Problem. Da muss ich Kompromisse machen. Anwesenheit beim gemeinsamen Essen ist Pflicht und einen eigenen Koch oder eigenes Essen mitzubringen, wäre nicht gerade teamfördernd.

Legt der Bundestrainer den selbst keinen Wert darauf?

Doch, er interessiert sich sehr dafür. Im Trainingslager in Japan werden wir einen Koch haben, der selbst sehr für Bio ist. Da freue ich mich schon drauf.

Wie werdet ihr das bei den Olympischen Spielen in China machen?

Im olympischen Dorf hat man die Wahl zwischen chinesischem, deutschem und italienischem Essen. Da muss ich irgendwie durch. Mehr Sorgen bereitet uns das Trinkwasser. Das ist in China generell destilliert und wird dann wieder mit Mineralien versetzt. Energetisch ist das mit einem natürlichen Mineralwasser nicht zu vergleichen.

Wie ernähren sich andere Hochleistungssportler?

Ganz unterschiedlich. Viel Biobewusstsein habe ich noch nicht angetroffen, aber auch nur mit einer Handvoll anderer Sportler darüber gesprochen. Ich bin auf dem Land groß geworden und habe bei Omas Hühnern selbst die Eier eingesammelt. Da hat man sowieso schon einen anderen Bezug zum Essen.

Spielen Eiweiß- und Mineralstoffpräparate eine große Rolle?

Manche glauben, dass sie das brauchen. Ich verwende solche Präparate grundsätzlich nicht.

Für die Olympischen Spiele hatten die Chinesen ja geplant, richtig gut auszusehen. Dann brach der Konflikt in Tibet aus und der Transport des olympischen Feuers geriet zum Spießrutenlaufen für das chinesische Regime. Einige Sportler haben schon angekündigt, dass sie über diesen Konflikt nicht kommentarlos hinweggehen wollen.

Wenn ich gut schwimme und die entsprechende Aufmerksamkeit bekomme, dann hätte ich schon eine Gelegenheit, etwas zu sagen. Aber ehrlich gesagt, ich traue mir nicht zu, dem Thema in drei Sätzen gerecht zu werden. Die normalen Chinesen sind ja selbst total schlecht informiert. Ich habe Kontakt zu einer Chinesin und die wundert sich sehr, was die ganze Welt gegen China hat. Ich bewundere den Dalai Lama und finde es gut, dass er die Aufmerksamkeit für sein Volk genutzt hat. Er hat von einem Boykott der Olympischen Spiele abgeraten und es sieht ja so aus, als ob China jetzt mit ihm reden wolle. Er sagt selbst, dass er mehr erreicht hat, als er erwartet hat. Vielleicht sollte man das nicht kaputtmachen.

Viel Erfolg in China!

 

BRITTA STEFFEN

Geboren 1983 galt die 1,80 große Schwimmerin schon als Jugendliche als „neue Franziska van Almsick“ und konnte bei deutschen und europäischen Meisterschaften und den Olympischen Spielen 2000 in Sydney viele Erfolge erringen. Danach geriet sie in ein Formtief, schaffte aber 2006 bei den Europameisterschaften in Budapest ein sensationelles Comeback mit drei Weltrekorden. Das brachte ihr einen massiven Dopingverdacht ein, der jedoch trotz vieler Dopingproben nicht erhärtet werden konnte. Sie startet bei den Olympischen Spielen 2008 in Peking.


Über den Autor

Bild von Martin Fütterer

Vorname
Martin

Nachname
Fütterer

Benutzeranmeldung

maennerherz bookmarken!

Newsfeeds

Inhalt abgleichen

drupal-typo3-hosting.gif


Bookmark and Share

Neueste Kommentare

Termine