Interview: Bio-Produkte sind sicher - aber nicht alle

Eigentlich würde er viel lieber ausschwärmen als am Schreibtisch sitzen, gerade jetzt, wo der Bio-Markt boomt und die Betrugsversuche zu nehmen. Ausserdem kritisiert er die Überwachung der Überwachung und die Konkurrenz zwischen den Bio-Kontrollstellen: Deutschlands erster Bio-Kontrolleur Peter Grosch. // Martin Fütterer

Hallo Peter, ich habe ja kaum einen Termin bei dir bekommen!

Tja, Behördenanfragen gehen vor.

Ich hätte gedacht: Kontrollen gehen vor...

Die Behörden decken uns mit Anfragen ein, ich komme gar nicht mehr weg vom Schreibtisch. Dabei wär es gerade jetzt so wichtig, dass wir ausschwärmen und möglichst viel draußen vor Ort sind. Der Markt wächst, die Betrugsversuche nehmen zu, und statt auszuschwärmen sitzen wir hier die Stühle platt.

Sind die Anfragen der Behörden denn nicht auch wichtig?

Vieles davon ist relativ sinnlos, weil man von vornherein weiß, dass sich minimale Rückstände nicht um zehn Ecken rückverfolgen lassen, und es ist noch nicht mal geregelt, wer den Nachforschungsaufwand bezahlt.

Kannst du ein Beispiel nennen?

Wir kontrollieren einen Laden und finden mal wieder Rückstände in ägyptischen Biofrühkartoffeln. 0,1 ppm (Anteile pro Million, Anm. d.Red.) – also sehr gering, an der Nachweisgrenze. Die Behörde besteht darauf, dass wir herausfinden, wo die herkommen. Die Ware ist über vier oder fünf Zwischenstufen gelaufen, eine so geringe Kontamination kann praktisch überall unabsichtlich passiert sein, in der Erntemaschine, der Abpackerei, beim Transport, irgendwo, nicht rekonstruierbar. Der Laden war es natürlich nicht, also will der auch die Kosten der Recherche nicht bezahlen. Die Kontrollstelle des Erzeugers teilt mit, es sei alles in Ordnung, den kann man also auch nicht haftbar machen. Irgendwo dazwischen ist es passiert. Wir laufen uns die Hacken ab, ohne die Aussicht, solche Lappalien wirklich aufklären zu können, und derweil können wir nicht die Dinge tun, die wirklich etwas bringen.

Was wäre wichtig?

Zum Beispiel, dass Erzeuger die Kontrollstelle nicht einfach wechseln können. Es passiert uns regelmäßig, dass wir jemanden sanktionieren, und zwei bis sechs Wochen später hat er ein Zertifikat von einer anderen Kontrollstelle.

Gibt es denn kein zentrales Register für Verstöße und Sanktionen?

Nein, gibt es nicht. Die neue Kontrollstelle ist allerdings gehalten, sich die Daten von der alten Kontrollstelle geben zu lassen. Nur passiert das nicht immer. Auch wir geben Daten von ehemaligen Kunden nicht ohne Weiteres heraus, es muss zumindest der Kunde zustimmen oder ein dringender Verdacht auf Betrugsgefahr bestehen.

Wenn es dafür keine Regelung gibt, könnten die Kontrollstellen dann nicht auf Kooperationsbasis eine gemeinsame Datenbank von Verstößen aufbauen?

Wir haben das schon ins Gespräch gebracht, aber die Kooperation der Kontrollstellen untereinander kommt schwer in Gang. Dabei schadet die gegenwärtige Situation allen. Da muss wirklich etwas geschehen und das hat auch der Gesetzgeber erkannt, wenn auch noch nicht umgesetzt.

Mir ist schon aufgefallen, dass Kontrollstellen selten gut übereinander sprechen ...

Ja, die unlautere Konkurrenz unter den Kontrollstellen ist ein Fehler im System. Es ist wünschenswert, dass Kontrollstellen in der Leistung konkurrieren, damit sich der Kunde die beste heraussuchen kann. Aber sie konkurrieren halt auch in der Anwendung der Standards und dann sucht sich der Kunde vielleicht die billigste und bequemste. Oder noch schlimmer: Es kommt zu falschen Zertifikaten.

Macht ihr nie Fehler?

Doch, natürlich. Die Arbeitsweise der Kontrollstellen wird im Übrigen überwacht und unterliegt eigenen Qualitätsrichtlinien. Aber gerade im Ausland ist diese Überprüfung nicht immer so konsequent, wie sie sein sollte. Und es geht nicht um Fehler, wir sind alle Menschen. Wenn ein Betrieb rückwirkend für drei Jahre als „bio“ zertifiziert wird, den wir als Umsteller im ersten Jahr eingestuft hatten, dann ist das kein Fehler, sondern ein Verstoß.

Ist das ein flächendeckendes Problem?

Nein, es gibt Problemschwerpunkte. Es sind bestimmte Produkte und es sind bestimmte Länder. Wenn ein Land ohnehin korrupte Strukturen hat, dann ist auch die Bioproduktion davon betroffen.

Welche Produkte, welche Länder?

Das Problem ist: In jedem dieser Länder gibt es auch und überwiegend seriöse Erzeuger und Kontrollstellen. Wenn ich ein Produkt oder ein Land nenne, dann wird ein bestimmter Teil der Verbraucher das Land, das Produkt oder Bio komplett verdammen. Aber dann trifft es die Falschen.

An anderer Stelle hast du schon Länder genannt: China, Gemüse aus Italien, Bananen aus Ecuador, Frühkartoffeln aus Ägypten.

Wenn es denn sein muss: Dazu kann ich stehen – wenn man den seriösen Anbietern in diesen Ländern Gerechtigkeit widerfahren lässt.

Welcher Anteil der Ware auf dem deutschen Markt ist in Ordnung?

Das ist ungleichmäßig verteilt, deswegen ist eine Schätzung schwierig. Aber ich denke, dass mindestens 80 Prozent der Ware in Ordnung sind, möglicherweise auch deutlich mehr. Mir als Insider kommen natürlich die Unregelmäßigkeiten überproportional vor Augen.

Wie gehen die deutschen Abnehmer mit der sich ändernden Sicherheitslage um?

Sie ziehen deutlich mehr Proben, über die Mindestanforderungen hinaus, und sie schauen sich die Lage auch vor Ort an.

Unterscheiden sich der Naturkostfachhandel und der normale Lebensmittelhandel im Sicherheitsbewusstsein?

Ich kann da keinen grundlegenden Unterschied in der Sicherheit der Ware erkennen. Für einen Discounter steht genauso viel auf dem Spiel, wenn er in einen Bioskandal verwickelt wird, wie für ein traditionelles Biounternehmen, und er verhält sich entsprechend.

 

Wohin gelangt die Ware von bekanntermaßen unseriösen Kontrollstellen?

Überallhin. Ich habe hier in Nürnberg Biobananen mit, wie ich belegen kann, zweifelhafter Zertifizierung sowohl im Biosupermarkt als auch im SB-Kaufhaus gesehen. Dem Biosupermarkt habe ich Bescheid gesagt und er hat sie aus dem Sortiment genommen. Aber als Bananen mal knapp waren, waren die Zweifelhaften wieder für zwei Tage im Angebot. Meines Erachtens hat die These noch nie gestimmt, alles, was im Bioladen steht, habe Gottes Segen und alles im konventionellen Supermarkt sei Beschiss. 

Was bringt denn das Monitoring des Bundesverbandes Naturkost, das fast alle reinen Biogroßhändler umfasst?

Diese zusätzlichen Untersuchungen von Obst und Gemüse auf Pestizid-Rückstände erhöhen zweifellos die Sicherheit und ermöglichen, immer mehr Quellen für Verunreinigungen auszuschließen. Aber konventionelle Unternehmen stehen dahinter nicht zurück, die nehmen ebenfalls eigene Proben und beauftragen zum Beispiel uns mit zusätzlichen Kontrollbesuchen vor Ort – wie es große Bioimporteure auch tun. Nicht, weil den konventionellen Anbietern bio so wichtig ist, sondern weil sie ein professionelles Qualitätsmanagement haben, egal ob bio oder konventionell. Die Bios mussten zum Teil ja erst mal lernen, dass man nicht alles glaubt, was einem gesagt oder auf Papier bescheinigt wird. Bei Sicherheit sind die Unterschiede zwischen einzelnen Unternehmen größer als die zwischen Fachhandel und konventionellem Handel. Es gibt überall Leichtgläubige, Schlitzohren – und Profis.

Das Monitoring ist immerhin unternehmensübergreifend...

Das ist ein Vorteil, weil es sicherstellt, dass die Ergebnisse auch bekannt werden. Allerdings finde ich es auch gefährlich, diese Untersuchungen allzu sehr in den Mittelpunkt zu stellen.

Warum denn das?

Bio sollte nicht auf Rückstandsfreiheit reduziert werden. Die kann man auch in der konventionellen Landwirtschaft hinbekommen. Bio ist ein ganz anderes Produktionssystem. Nicht nur im Endprodukt, sondern auch im Produktionsprozess dürfen Pestizide und Kunstdünger nicht vorkommen. Es geht dabei um Bodenf ruchtbarkeit, ökologische Verträglichkeit , Nachhaltigkeit, letztlich auch um soziale Verträglichkeit – und nicht nur darum, wie viel Pestizidrückstände am Ende drin sind.

Warum soll man im Bioladen kaufen, wenn die Ware dort nicht unbedingt sicherer ist?

Man könnte doch einfach froh sein, dass es bei bio eine relativ hohe Sicherheit gibt, egal wo und ganz anders als bei Döner-Buden. Die Stärke des Fachhandels, und dazu zähle ich auch seine Hersteller und Großhändler sowie einen Teil der Verbände, bestand nie nur in der Ware. Als die ersten „Körnerläden“ entstanden, hatten die vor allem konventionelle Ware im Regal – weil es in bio fast nichts gab. Also gingen sie, ihre Großhändler und Hersteller aufs Land und ins Ausland und überredeten Bauern zur Umstellung. Sie gründeten Verbände, leisteten Qualitätsarbeit, gaben sich Richtlinien und ein Mindestmaß an Kontrolle. Alles freiwillig und ohne dass es ein Gesetz gab.

Das Gesetz kam 1992 ...

Ja – unter anderem auf ihre Initiative hin. Und als ein Gesetz kommen sollte, kämpften sie mit den Erzeugern für ein strenges Gesetz und bis heute dafür, dass es noch strenger und nicht aufgeweicht wird. Sie machen sich Gedanken über faire Preise und wollen zu einer besseren Welt beitragen und nicht nur Geld verdienen. Solche Impulse sind von den konventionellen Unternehmen kaum zu erwarten. Wer engagiert sich denn heute gegen Gentechnik? Der konventionelle Handel wartet doch einfach ab, wie sich die Kunden entscheiden. Und wenn sich Genfood verkaufen lässt, wird er es verkaufen. So wie er bio – und fair – erst verkauft, seit es sich verkaufen lässt.

 

 

Peter Grosch

Der 1946 geborene Peter Grosch galt als schwächliches Kind und wurde deshalb als Kind viel aufs Land geschickt, mit nachhaltigen Folgen. Er studierte erst Biologie, dann Agrarökonomie und kam mit der Anthroposophie in Berührung. 1978, die Dissertation schon begonnen, entschied sich Peter Grosch gegen die Universitätslaufbahn und übernahm die Organisation der Fördergemeinschaft organisch biologischer Land- und Gartenbau, unter seiner Leitung ins griffigere Bioland umbenannt. 1990 gründete er die erste unabhängige Kontrollstelle für Bioprodukte, die BCS Ökogarantie in Nürnberg. BCS beschäftigt heute etwa 160 Menschen in 22 Ländern. Die einheimischen Mitarbeiter werden zu 25 Prozent an den Länderbüros beteiligt.


Über den Autor

Bild von Martin Fütterer

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