Reportage: Südafrika goes Kompost

80 Jahre Pestizid-Einsatz haben die Böden auf Südafrikas Farmen geschädigt. Einige Farmer suchen nun neue Wege – aus Kostengründen und aus Verbundenheit zu ihren Farmen. Bericht von einer Pressereise ans Kap der guten Hoffnung. // Text und Fotos: Martin Fütterer

Mike Prevost springt herum wie ein Floh, die Kameras der Journalisten können ihm kaum folgen. Mit weit ausholenden Gebärden erklärt er das Herzstück seiner Farm Lorraine: Den Komposthaufen. Der allerdings ist ein wahres Prachtstück: Eineinhalb Meter hoch, sorgfältig geschichtet, mit drei „Schornsteinen“ aus Bambusrohr, schön mit Stroh abgedeckt. „Durch die Schornsteine wird der Kompost mit Sauerstoff belüftet, denn wir wollen nur aerobe Bakterien züchten, keine anaeroben, das wäre sonst Fäulnis statt Kompost. Unten haben wir eine luftdurchlässige Matratze aus Ästen, damit das schwere CO² nach unten entweichen kann“, erläutert Mike den Gasaustausch. „Kompostiert wird alles, was wir auftreiben können: Baumschnitt, Stroh, Traubentrester, geschreddertes Holz, Laub. Dazwischen kommt Vulkansteinmehl“ staub, „Tonerde, Kalk und Lehm“ staub, „Wasser“ spritz, „frischer Kuhdung mit Wasser verdünnt.“ stink. Die Journalisten bringen ihre weiß-braun gesprenkelten Schuhe in Sicherheit. Nur vorsichtig wagen sie einen Blick in einen grünen Eimer mit einer grünbraunen Brühe. Das ist der Kompoststarter, in Wasser anrührte Mikroben, die genau auf Mikes Erfordernisse abgestimmt sind.

Pestizide unerschwinglich

Mike ist einer der ersten Bio-Farmer in Südafrika. Seit gut 10 Jahren bewirtschaftet er seine Obstfarm „organic“. Mit 30 Hektar Plantagen auf einer Gesamtfläche von 50 Hektar ist die Lorraine Farm für südafrikanische Verhältnisse eher klein. Sie liegt malerisch im Elgin Valley, 90 km von Kapstadt und ist seit 1960 in der Familie. Während frischer Apfelsaft ausgeschenkt wird, schaut Mike über die Ränder seiner Brille und erläutert die Gründe für „going organic“. Sie werden im Laufe der Reise von anderen Farmern immer wieder wiederholt werden: 80 Jahre Pestizideinsatz haben die Mikroben im Boden praktisch vernichtet. Dennoch mussten immer größere Mengen an Pestiziden eingesetzt werden, bis Mike Prevost sie sich nicht mehr leisten konnte. Auf der Suche nach einer Lösung stieß er auf die Pflanzen-Virologin Barbara van Wechmar und lernte bei ihr die Kunst der Mikrobenzucht – konkret: Der Kompostierung. Er versucht nicht länger, Schädlinge mit Gift auszurotten, sondern bemüht sich um ein reichhaltiges Ökosystem, in dem die Pflanzen widerstandsfähig sind und die Schädlinge viele Feinde haben. Grundlage dafür sind vor allem die vielen Lebewesen in einem gesunden Boden.

Tour-Guide Sönke Hobbensiefken von der internationalen Bio-Kontrollorganisation Ecocert erzählt: „Wenn man Mikes Äpfel genau untersucht, findet man kleine Stellen, wo Schädlinge versucht haben, ihre Eier in die Äpfel zu legen, aus denen später Maden schlüpfen würden. Aber offensichtlich haben die Apfelbäume, herausgefordert durch das ökologische Umfeld, angefangen, eine dickere Schale und Schutzstoffe zu bilden, an denen die Insekten scheitern.“

Die Umstellung allerdings war für die Lorraine Farm eine harte Zeit. Die Erträge gingen um 50% zurück. Inzwischen haben sie wieder 75% des ursprünglichen Niveaus erreicht und mehr ist nicht zu erwarten. Rentabel ist die Bio-Produktion durch die eingesparten Pestizide und den Mehrpreis, den Mike Prevost für seine Äpfel auf den bio-hungrigen Märkten in Europa und Japan erzielt. Dabei profitiert Mike deutlich vom Bio-Boom in Deutschland. Um knapp 20% sind die Preise in den letzten beiden Jahren gestiegen.

Die Kompost-Päpstin

Barbara van Wechmar ist 71 und im Unruhestand. Die pensionierte Dozentin der Universität Kapstadt empfängt in ihrem Haus täglich Farmer aus ganz Afrika, die sich von ihr Rat bezüglich der Bodenfruchtbarkeit erhoffen. „Es ist überall dasselbe: Die Farmer können sich die Pestizide nicht mehr leisten und wollen einfach auch wieder unabhängig von den Agrarkonzernen sein, die hier in Afrika nicht nur den Markt, sondern auch die Forschung und die Ausbildung dominieren. Oft sind sie seit vielen Generationen auf ihren Farmen und denken auch in solchen Dimensionen an die Zukunft. Sie merken, dass mit ihren Böden etwas nicht stimmt und dass es nicht so weiter geht wie bisher. Denen sage ich: Lass das Gift weg, mache Kompost, gib den Mikroorganismen ein gutes Zuhause und du wirst sehen, dass sich vieles von alleine regelt.“ In jahrzehntelanger Kleinarbeit erforschte sie Bodenlebewesen und suchte nach den Mikrobenstämmen, die Zitrusschalen oder Eukalyptusholz, Stroh oder Sägemehl, Wolle oder Äpfel zu Kompost zerlegen. Ihre Hauptzielgruppe sind nicht Bio-Bauern sondern ganz normale Farmer. Dies sparen mit Kompost bis zu zwei Drittel Pestizide und Kunstdünger ein.

Aliens sind die Lösung

Auf den Farmen gibt es oft garnicht genug Material für den immensen (Nachhol-)Bedarf an Kompost. Dann entdeckte man die sogenannten „Alien Plants“, Pflanzenarten, die ursprünglich zur Verschönerung der Farmgärten oder für die Forstwirschaft aus Australien eingeführt wurden und sich zur Plage ausgewachsen hatten: Vor allem Eukalyptus- und Port-Jackson-Bäume. Beide nehmen den anderen Pflanzen das Wasser weg und trocknen im Umkreis von bis zu 10 Metern den Boden so aus, dass Flüsse nahezu versiegten, denn insbesondere Port Jackson wuchert wie Unkraut und nimmt ganze Täler für sich ein. Barbara van Wechmar fand eine Möglichkeit, sie zu kompostieren.

Im Citrusdal sind die Farmen deutlich größer als die Lorraine Farm von Mike Prevost. Sein Namensvetter Mike Stekhoven verdient sein Geld mit einem Unternehmen zur Herstellung von speziellen Lacken, mit denen er unter anderem die Nato und die US-Marine beliefert. „Deep in his Sixties“ ist sein Unternehmungsdrang ungebrochen und so kaufte er vor einigen Jahren die 1724 gegründete aber auch heruntergekommene Farm Modderfontein und stellte sie auf Bio um. Als Mike die Farm übernahm, war sie praktisch vollständig mit Port Jackson überwuchert. Der vorherige Besitzer hatte versucht, sie durch Brandrodung auszurotten, aber das feuert Port Jackson buchstäblich an, denn die Samen werden durch Feuer erst stimuliert. Mike Stekhoven „Nach einer Brandrodung von Port Jackson Bäumen hat man erst mal den Eindruck: Oh ja, die Gräser kommen zurück, alles wird grün. Dann entdeckt man, dass das Millionen von Port Jackson Schößlingen sind...“ Er machte es anders: Seine 18 festen schwarzen Mitarbeitern und der weiße Verwalter Willie Oldendaal holzten die Bäume mühsam ab und verarbeiteten sie zu Kompost und legten Zitrus-Plantagen an. Ein Lösung, die nun überall in Südafrika zwei bis drei Fliegen mit einer Klappe schlägt: Die Farmen erhalten Material für Kompost, es entstehen Arbeitsplätze vor allem für Schwarze und die ursprüngliche Vegetation, der „Finebush“, kehrt zurück.

 

Der Veranstalter

Zu dieser Pressereise eingeladen hatte die Stiftung Natur&More aus den Niederlanden. Die Stiftung macht die Bauern hinter den Bio-Produkten transparent, gerade dann, wenn diese weit weg und für europäische Verbraucher unerreichbar sind. Auf den Produkten der angeschlossenen Erzeuger findet sich ein Aufkleber mit einem Nummerncode, der auf der Website zu den Informationen über den Anbaubetrieb führt. Gegründet wurde die Stiftung vom niederländischen Bio-Früchte-Importeur Eosta. Sie wird vom Niederländischen Staat unterstützt, die Lizenzeinnahmen bilden weniger als die Hälfte der Einnahmen. Weltweit sind bisher rund 40 Erzeugerbetriebe erfasst. Neben Eosta sind die Firmen Lebensbaum, Voelkel und Naturata unter den Lizenznehmern. www.natureandmore.com

Black Empowerment

Die Reise zeigte praktisch nur das weiße Südafrika. Die Besitzer der insgesamt sechs besuchten Farmen (nicht alle werden hier beschrieben) waren alles Weiße, auf jeder Farm arbeiten jedoch viele schwarze Mitarbeiter, die allerdings kaum zu sehen waren. Wo Schwarze und Weiße auf den Farmen im Kontakt waren, war der Ton familiär und freundlich. Auf dem Land ist es ausgesprochen sicher, Türen werden nicht abgeschlossen, Autoschlüssel stecken. Gewalt gibt es angeblich nur unter den Schwarzen selbst, dann sei nicht selten Alkohol im Spiel. Wenn Weiße über Schwarze sprechen, dann wie sorgende oder besorgte Eltern über unselbstständige oder gefährliche Kinder. Es gibt viele Erfahrungen, die eine solche Haltung berechtigt erscheinen lassen. Wenn den Schwarzen Verantwortung und Besitz übertragen werden, dann geht das anscheinend nur selten gut und in den Städten gibt es viel Kriminalität. Die generationen-lange Verwahrlosung breiter Bevölkerungsteile unter dem Apartheidsregime hat Leistungswillen und Verantwortungsbewusstsein verkümmern lassen. Dass angesichts der täglichen Schwierigkeiten Weiße und Schwarze nicht ohne weiteres zu gleicher Augenhöhe finden ist verständlich. Das schwarze Selbstverständnis schwankt zwischen Überheblichkeit und Selbstabwertung. Die staatlichen Pflichtprogamme und Quoten unter dem Slogan „Black Empowerment“ sind Chance und Fluch zugleich:  Sie zwingen Weiße und Schwarze in eine Zusammenarbeit und schaffen gleichzeitig eine Alimentierung ohne Leistungs- und Verantwortungsanreiz.

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