Interview: Ökodiktatur oder ökosoziale Marktwirtschaft? Prof. Dr. Dr. Radermacher

Wenn der ökologische Kollaps vermieden werden soll – was vielleicht nicht gelingen wird -, dann läuft es auf Ökodiktatur oder Ökosoziale Marktwirtschaft hinaus, hat der Wirtschaftswissenschaftler Professor Franz Josef Radermacher mit seinem Team berechnet. Marktfundamentalismus ist für ihn so ideologisch wie Kommunismus. Die aktuelle Finanzkrise könnte eine Richtungsentscheidung bringen: marktradial oder ökosozial. // Martin Fütterer

Herr Professor, Sie und Ihre Kollegen haben in dem Buch „Weltfinanzsystem am Limit“ die Finanzkrise vorausgesagt. Was zeigt sie uns?

Die Krise zeigt klugen Köpfen, dass das Weltfinanzsystem schlecht reguliert ist. Solange Regelwerke und Besteuerung und Gesetze in den Wirtschaftsräumen der Welt nicht fair und aufeinander bezogen geregelt sind, wird Geld auf der Suche nach der größtmöglichen Rendite oft dort investiert werden, wo die laschesten Gesetze und die niedrigsten Steuern gelten. Also in Plünderung statt in den Aufbau sinnvoller Unternehmungen und gesellschaftlicher Infrastrukturen. In der Konsequenz müssen sich Staaten weltweit verschulden, weil ihnen Steuereinnahmen fehlen, und Kapital allokiert sich nicht da, wo es für sinnvolle Strukturen gebraucht wird, sondern da, wo es den höchsten Spekulationsgewinn abwirft. Dafür wird am Tag die 70-fache Geldmenge des Welthandelsvolumens um den Globus „gejagt“. Reale Wertschöpfung und Kapitalgewinn klaffen immer weiter auseinander. Diese Blase platzt jetzt. Die Rechnung bezahlen leider wir alle, sie wird geschätzte 2 Billionen Dollar, wenn nicht noch mehr betragen.

Gibt es Ansätze für eine Vereinheitlichung im Regelungsbereich?

Bisher wurde das auf offizieller Ebene immer verhindert, vorrangig von Großbritannien und den USA. Jetzt hat sich alles verändert. Es stehen jetzt 50 % der Global Governancefragen kurzfristig zur Disposition. Bretton Woods II, Einhegung der Steuerparadiese und Kyoto-Folgevertrag. Besonders interessant ist aus meiner Sicht, dass sich neuerdings eine Front gegen Steuerparadiese zu bilden scheint, was seit langem überfällig ist. Ein global balanciertes Steuersystem funktioniert nämlich nur auf der Grundlage von Steuerehrlichkeit. Die Krise wird hoffentlich mehr Vereinheitlichung auf internationaler Ebene bringen. Die Diskussionen über ein neues Weltwährungssystem (Bretton Woods II) weisen in die richtige Richtung, ebenso die Forderung der Financial Stability Group oder OECD nach einer besseren Regulierung bzw. Einhegung der Steuerparadiese.

Trifft die Krise wenigstens auch die Verursacher?

Vielfach nicht. Viele Verursacher haben zwei- bis dreistellige Milliardenbeträge auf ihren Konten in Sicherheit gebracht und geschickte Spekulanten können auch in und an dieser Krise Geld verdienen – und tatsächlich finden in dieser Krise größere Eigentumsverschiebungen statt als je zuvor. Die Staaten, denen in erheblichem Umfang Steuern entgangen sind, mussten sich schon bisher verschulden und dafür das Geld bei eben denen leihen, die sich durch geschickte Konstruktionen völlig legal der Steuerzahlung entzogen und das Weltfinanzsystem mit den von ihnen betriebenen Spekulationen zum Kippen gebracht haben. Um den Zusammenbruch zu verhindern, müssen nun diese verschuldeten Staaten für illiquide Banken einspringen und Sicherheit garantieren. Die Staaten – das ist die Steuerkraft ihrer Bevölkerung und die regulative Kraft ihrer Exekuteure sind jetzt kollektiv in Geiselhaft und müssen gemeinsam dafür aufkommen, dass relativ wenige ihre für das Gemeinwesen schädlichen spekulativen Spiele betreiben konnten, wobei die Gewinne bei wenigen angekommen sind und diese sich nur weit unterproportional an der Finanzierung des Steueraufkommens beteiligt haben und weiter beteiligen werden.

 Vertreter des Club of Rome und der Global Marshall Plan Initiative, der Sie angehören, sagen voraus, dass wir die Wahl haben zwischen drei Zukunftsszenarien.

Ja. Erstens: Der Kollaps der Ökosysteme. Zweitens: Die Brasilianisierung – die Herrschaft weniger Reicher über eine verarmte, ungebildete und machtlose Masse, die zu einem Leben mit minimalem Ressourcenverbrauch „verdonnert“ wird, also eine Ökodiktatur. Und drittens: Eine Ökosoziale Marktwirtschaft, in der durch eine vernünftige Regulierung des Marktgeschehens, sozialen Ausgleich und gute Regierungsführung eine lebenswerte Welt und eine nachhaltige Entwicklung für bis zu 10 Milliarden Menschen möglich ist.

Für welches Szenario spricht die gegenwärtige Krise?

Nicht die Krise, sondern die Art wie wir sie bewältigen wird darüber entscheiden, welches Szenario wir erleben werden. Diese Krise ist auch eine Chance: Noch nie haben so viele Menschen begriffen, dass das marktfundamentalistische System nicht funktioniert.

Alle rufen nun nach neuen Regeln, ist das Wasser auf Ihre Mühlen?

Ja, aber dieser Ruf ist oft nur vorgeschoben, die Intentionen mancher Rufer sind andere als sie erscheinen. Auch ist das aktuell diskutierte Weltwährungssystem Bretton Woods II zu wenig. Unsere Kanzlerin Merkel sollte jetzt, wie schon zuvor, eine weltweite Ökosoziale Marktregulierung fordern. 

Wo sitzen denn die Gegner?

Gegner ist vielleicht nicht das richtige Wort. Wo sitzen Interessen, die in eine andere Richtung agieren? Hier gilt Folgendes: Jeder ist in der Versuchung, den Eigennutz über den Gemeinnutz zu stellen, selbst dann, wenn damit das Gemeinwesen über kurz oder lang ruiniert wird. Je größere Ressourcen Menschen kontrollieren, desto mehr Möglichkeiten haben sie, ihre eigenen Interessen zu bedienen und, beabsichtigt oder nicht, das Gemeinwesen zu ruinieren, selbst wenn sie parallel dazu für gute Zwecke spenden und vernünftige Initiativen fördern. Einige Investmentbanker hatten eine Schlüsselfunktion inne. Versprechen von zwanzig Prozent Rendite und mehr sind auf Dauer nur mit Mitteln zu erzielen, die für das Gemeinwohl schädlich sind. Kleine und große Vermögen konnten solchen Versprechen nicht widerstehen – nach den Konsequenzen hat man lieber nicht gefragt.

Nicht alle Reichen sind Piraten oder gedankenlos renditeorientiert.

Richtig, viele sind Philanthropen. Es würde sehr helfen, wenn einige von ihnen endlich einmal laut vernehmbar eine ökosoziale weltweite Marktregulierung verlangen würden.

Wer kann sie beeinflussen?

An die Superreichen kommt niemand heran. Sie nicht und ich auch nicht. Die sind abgeschirmt von einem Tross von Spezialisten und leben in einer eigenen Welt. Dafür gibt es gute Gründe. Es gibt nämlich eine riesige Konkurrenz seriöser Anliegen, aber auch von Betrügern um jede Minute Zeitverfügbarkeit einer solchen Person.

Kann die Demokratie etwas ändern?

In Europa ja, in den USA vielleicht. Dort beobachten wir, in den Worten des früheren US Vizepräsidenten Al Gore, eine Krise der Demokratie, denn die Regierung ist weitgehend in den Händen von Superreichen und ihrem Support-Umfeld. Die Überschwemmungen in New Orleans und die Finanzmarktkrise beginnen aber, Wirkung zu zeigen. Das Bild könnte sich ändern. Die anstehende Wahl und ihr Ausgang haben Bedeutung.

Was ist mit den Medien?

Auch diese, vor allem die internationalen Nachrichtenagenturen, befinden sich zunehmend im Eigentum der Interessengruppe, die von den bisherigen Strukturen profitiert. Über die Medien werden Vorstellungen und Glaubenssätze in die Hirne geprägt, die wiederum Basis für Regeln und Gesetze sind. Man nennt das „Framing“, einen bestimmten vorstrukturierten Blick auf das Geschehen.

Ungeregelter Markt als Heilsbringer, Steuern runter und Staat weg?

Genau. Marktfundamentalismus ist nicht weniger ideologisch als der sich wissenschaftlich gebende Kommunismus. Unregulierter Kapitalismus und Marktwirt­schaft werden gleichgesetzt, obwohl das Ziel des Kapitalismus das Monopol ist, also die Abschaffung von Wettbewerb, also das Gegenteil von Markt. Freie, ungeregelte Marktwirtschaft, allerdings mit weitgehenden Besitzgarantien und Steuergeschenken für Superreiche, wird gleich­gesetzt mit dem eigentlichen Erfolgsmodell, der sozialen Marktwirtschaft, in der vielfältige Potentiale und Handlungsoptionen für alle Bürger angestrebt und verwirklicht werden und in der Steuern und sozialer Ausgleich dazu dienen, das System zu verbessern, und so die Voraussetzungen für wachsenden Wohlstand erst zu schaffen – und zwar Wohlstand für Alle, wie Ludwig Erhard das zu Recht forderte. Die Durchsetzung freier, sozial und ökologisch unregulierter Märkte dient stattdessen dem Szenario der Brasilianisierung, das ich für die wahrscheinlichste Zukunft für die Menschheit halte.

Ist die Brasilianisierung eine Dauerlösung oder wird sie zu Revolten führen?

Im Endzustand ist sie dauerhaft: Wenn die Massen der Bevölkerung durch Fehlinformation, Verweigerung von Bildung, Medien- und Drogenkonsum verdummt sind, in Schach gehalten von einer gut bezahlten Schergenkaste.

Auffallend viele Science Fictions bedienen sich einer solchen gesellschaftlichen Vision als Hintergrund...

Ja – ich habe mir mehrfach „Blade Runner“ angesehen und ebenso „Soylent Green“. Da essen am Ende die Massen ihre eigenen Toten ohne es auch nur zu wissen, während einige Superreiche die Kontrolle über alle Ressourcen aber auch alle Informationen haben und im Luxus schwelgen. Aber noch ist es ja nicht soweit. Noch nie gab es so viele gut ausgebildete, informierte Menschen wie heute. Wir müssen und können uns unserer Haut wehren. Al Gore glaubt hier an das Internet als soziale Plattform (Web 2.0) - allerdings gibt es auch da Bestrebungen, es unter den Einfluss dominanter Strukturen des internationalen Finanzkapitals zu bringen.

Müssen wir in einer ökosozialen Zukunft unseren Lebensstil ändern?

Ja, wir werden in der reichen Welt pro Kopf nicht mehr so viele Steaks essen, und weniger fliegen, weil Milliarden weiterer Menschen etwa so leben werden wie wir. Um die für das Jahr 2050 erwarteten 10 Milliarden Menschen zu ernähren, werden wir den Wohlstand weltweit verzehnfachen und fairer verteilen müssen, dürfen dabei aber nicht mehr Ressourcen verbrauchen als heute. Wir brauchen technischen Fortschritt auf dem Gebiet der Ressourceneffizienz und eine Dematerialisierung des Konsums. Im Grunde können wir das sehr wohl dem Markt überlassen – wenn durch Gesetze sichergestellt ist, dass die Preise die Wahrheit sagen und alle Gewinne und Einkommen weltweit fair am Steueraufkommen teilhaben. Außerdem brauchen wir einen Globalen Marshall-Plan und mittelfristig einen ökosozialen Weltvertrag, um den ökonomisch benachteiligten Regionen dieser Welt eine angemessene Entwicklung zu ermöglichen. International ist Konsens, dass dafür 100 Milliarden Dollar pro Jahr an zusätzlichen Mitteln für Entwicklungszusammenarbeit ausreichend sind – ein Bruchteil der Kosten der Finanzkrise und weit besser angelegt. Einen guten Teil davon könnte man durch eine sogenannte Tobin-Abgabe finanzieren, die auf alle Finanztransaktionen erhoben würde. Das würde zugleich die Transparenz der Vorgänge in diesem Bereich verbessern und auch ordnungspolitisch positive Wirkung entfalten. Wenn sich schon ungeheure Geldmengen wegen minimaler Wertdifferenzen fünfzig Mal am Tag um den Globus bewegen, dann sollte auch die Allgemeinheit direkt davon profitieren, nicht nur eine kleine Gruppe von Insidern.

Wie hat man sich eine Dematerialisierung des Konsums vorzustellen?

Von dem, was viel knappes Material verbraucht, werden wir uns weniger, von dem, was wenig knappes Material verbraucht, mehr leisten können: Coaching, Kunst und Spiritualität. Ich habe eine Tür gesehen, an der ein Künstler ein Jahr gearbeitet hat. Eigentlich unbezahlbar und unglaublich schön. Aber es wird dafür nicht mehr Material verbraucht als für eine Standardtür und man wird sie vielleicht generationenlang benutzen. Seinem Kind wird man vielleicht nicht mehr ein Auto zum Abitur schenken, sondern dafür ein eigenes, nur für das Kind komponiertes Musical. Statt nach Übersee an einen Strand zu fliegen, wird man vielleicht einen Wellness- und Coaching-Aufenthalt im Schwarzwald buchen und in Form einer robusteren Gesundheit und eines Wachstums der Persönlichkeit profitieren.

Prof. Dr. Dr. Franz Josef Radermacher

Er ist Mathematiker und Wirtschaftswissenschaftler sowie Professor für Informatik in Ulm. Besonders bekannt geworden ist er durch sein Engagement in der Global Marshall Plan Initiative, die sich seit 2003 für eine gerechtere Globalisierung einsetzt. Förderer dieser Idee sind der ehemalige Vizepräsident der USA, Al Gore, sowie der ehemalige EU-Landwirtschaftskommisar Josef Fischler. Franz Radermacher steht dem Bundesverband für Wirtschaftsförderung und Außenwirtschaft (Berlin) vor. Motto: Wirtschaft, das sind wir alle. Er ist Vizepräsident des Ökosozielan Forums Europas (Wien) und seit 2002 Mitglied des Club of Rome.

Buchtipp:
Welt mit Zukunft

In diesem Buch geben Franz Josef Radermacher und Bert Beyers nicht nur eine Analyse sondern unterbreiten auch eine Idee, wie wir der Katastrophe entgehen können.

Welt mit Zukunft. Überleben im 21. Jahrhundert (Gebundene Ausgabe)

von Franz-Josef Radermacher (Autor), Bert Beyers (Autor)

Gebundene Ausgabe: 224 Seiten, Verlag: Murmann Verlag; Auflage: 3 (März 2007)

Sprache: Deutsch, ISBN-10: 3938017864, ISBN-13: 978-3938017869

 




Weltfinanzsystem am Limit: Einblicke in den "Heiligen Gral" der Globalisierung (Gebundene Ausgabe) von Dirk Solte (Autor) 

Gebundene Ausgabe: 279 Seiten, Verlag: Horizonte Verlag; Auflage: 1 (Januar 2008)

Sprache: Deutsch, ISBN-10: 3981171527, ISBN-13: 978-3981171525


Interview: Ökodiktatur oder ökosoziale Marktwirtschaft? Prof. Dr

Hmmm .. Ich denke, Professor Franz Josef hat eine Menge an Wissen über, nicht nur wirtschaftlich, sondern auch in anderen feilds ....

Veröffentlicht von donaldjeo12 am 20. Oktober 2009 - 11:38.

Über den Autor

Bild von Martin Fütterer

Vorname
Martin

Nachname
Fütterer

Benutzeranmeldung

maennerherz bookmarken!

Newsfeeds

Inhalt abgleichen

drupal-typo3-hosting.gif


Bookmark and Share

Neueste Kommentare

Termine