Interview: Die perfekte Welle
Die Band Juli gehört zu den erfolgreichsten Vertretern deutschsprachiger Popmusik. Sängerin Eva Briegel und Gitarrist Jonas Pfetzing über Kunst, Männer, Frauen und perversen Formschinken. // Martin Fütterer, Fotos: Christian Thomas
Martin: Die Texte von „Perfekte Welle“, „Dieses Leben“ und auch „Ein neuer Tag“ handeln davon, eine Herausforderung anzunehmen. Sind das nur Texte oder stecken da Erfahrungen dahinter?
Eva: Es gibt bei uns keinen Song, wo nicht Erlebnisse dahinter stecken.
Jonas: Perfekte Welle war eigentlich ein Song über unsere eigene Situation: Wir haben jahrelang geackert und auf den Erfolg gewartet und davon handelt dieser Song und auch davon, dass man es kaum glauben kann, wenn die Welle dann kommt und einen fast erschlägt. Witzig, dass wir ausgerechnet mit diesem Song dann den Erfolg hatten.
Martin: „Wir sind immer wir selbst – seltsam dass man das überhaupt betonen muss“, das hast du mal gesagt, Eva. Kann man mit so einem Erfolg noch man selbst sein?
Eva: Es gibt einen sehr hohen Druck, perfekt sein zu müssen. Denn viele wollen an dem Erfolg des Produktes teilhaben. Normalerweise ist es im Musikbusiness üblich, zwischen dem Produkt und der Person zu trennen. Wir tun das nicht. Ich tu das nicht. Und wenn dann Kritik kommt, dann ist es eben nicht nur ein Fehler im Produktdesign, sondern dann bin ich das, die den Fehler hat oder der Fehler ist. Das geht ganz schön rein.
Martin: Kannst du dann nachvollziehen, was gerade mit Britney Spears passiert?
Eva: Absolut! Die Frau tut mir ja so leid. Alle ziehen und zerren an ihr, wie langweilig und peinlich sie angeblich ist. Ich war in Tunesien und wenn man da was kaufen kann, dann sind es Musikkassetten von Britney. Die ist wirklich ein Weltstar – aber eigentlich hat sie niemanden.
Martin: „Dieses Leben „ wurde vor ein paar Wochen in der Serie „Alarm für Cobra 11“ in der Szene gespielt, als das entführtes Mädchen gerade noch gerettet wird. Ein passender Kontext?
Eva: Das ist ja das Spannende an Kunst, dass sich die Aussage in verschiedenen Kontexten ändert. Das ist wie ein Dialog zwischen dem Werk und seiner wechselnden Umgebung. Es gibt dieses Bild von Caspar David Friedrich: Wanderer im Nebelfeld. Da haben sie mal gezeigt, wie und wo das Bild schon überall verwendet wurde, allein zweimal auf dem Titel vom Spiegel, so mit der Headline „Deutschland wohin?“ und jedesmal gab es eine neue Aussage durch die Verbindung von Bild und Kontext.
Jonas: Natürlich gibt’s schon mal Fälle, wo man denkt, och nö, da doch lieber nicht.
Martin: Beispiel?
Eva: Das Lied „Denkmal“ von „Die Helden“ haben sie mal auf einem Neonazitreffen gespielt, ich glaube, das war ganz schön schlimm für die Band. Sowas hatten wir zum Glück noch nicht. Bei uns sind es mehr die Werbeangebote. Wofür wir mit „Perfekte Welle“ schon alles hätten werben können: Mikrowellen oder sogar die perfekte Wehe. Wir müssten nur ein Wort austauschen…
Martin: In einem Kontext wurdet ihr aber auch von den Medien schon ausgeblendet. Nach der Tsunami-Katastrophe hat man „Perfekte Welle“ in den Sender einige Zeit nicht mehr gespielt.
Jonas: Also, ich konnte damit leben. Aber ich fands doch auch komisch, weil die Medien ansonsten ja ganz normal Halligalli gemacht haben. Das ist wie nach 9/11: Da wurden in Amerika keine Lieder mehr gespielt, in denen das Wort „Flugzeug“ vorkommt. Das ist doch Aktionismus.
Martin: In dem Song „Zerrissen“ kommt die Frau nicht durch die Mauern, die der Mann um sich herum aufgebaut hat. In Youtube haben viele Mädchen und Frauen ihre persönliche Version von diesem Song online gestellt. Ist das so? Kommt die Frau nicht durch zum Mann?
Eva: Find ich schon. Ich bin ja ein Kind dieser 68er Eltern und meiner Generation hat man erzählt und in vielen Medien wird das bis heute behauptet, dass man so ziemlich jedes Problem aus der Welt schaffen kann, wenn man nur genügend kommuniziert. Also habe ich kommuniziert und noch mehr kommuniziert.
Martin: Aber das kommt bei den Männern nicht an?
Eva: Nicht wirklich. Und inzwischen habe ich auch meine Erfahrungen und meine Meinung ein Stück weit geändert. Ich bin immerhin schon fast 29! Man kann Probleme auch herbeireden. Und wahrscheinlich ist es gar nicht so gut, wenn man immer versucht, alles im Leben eines anderen erfahren und vereinnahmen zu wollen. Man muss mehr nach sich selbst schauen und dafür sorgen, dass es einem auch alleine gut geht.
Martin: Klingt weise… Und du Jonas? Kommen die Frauen zu dir durch oder machst du auch die Schotten dicht?
Jonas: Oh, ich mache oft und gerne die Schotten dicht. Dann sind Frauen oft aufgeregt und vermuten Gott weiß was dahinter. Ich glaube, die Frauen müssen sich einfach mal damit abfinden, dass wir Männer doch eher einfach gestrickt sind. Im Übrigen bin ich auch ein Nach-68er-Kind und in meiner Familie wurde viel geredet und sich auseinandergesetzt. Ich bin wirklich zur Gleichberechtigung erzogen worden.
Martin: Zu deinem Nutzen oder Schaden?
Jonas: Definitiv zum Nutzen. Es ging ja auch nicht so weiter mit dem alten Männergehabe. Da kommen mir die Männer manchmal vor wie eine Art, die schon zum Aussterben verurteilt ist.
Eva mit Schmollmündchen: Och, ihr Armen!
Martin: Auch in euren optimistischen Liedern ist die Musik eher melancholisch und selbst bei Dur-Akkorden gibt es im Hintergrund meist einen Ton, der die Stimmung auf Moll stellt. Ist das Absicht?
Jonas: Ja, dieser Ton wird gezielt gesucht und auch gefunden.
Eva: Wir haben eigentlich garnicht soviel gemeinsam in der Band, aber das schon, wir mögen es eher in Moll. Außerdem sind wir in unseren Texten ja auch nicht einfach optimistisch, sondern skeptisch dem Glück gegenüber. Es fällt einem nicht in den Schoß, immer wieder die guten Seiten zu sehen, dazu muss man sich entscheiden und das ist manchmal anstrengend. Aber es ist sehr wichtig, Selbstmitleid finde ich schlimm.
Martin: Leidet ihr an der Welt?
Eva: Ich schon. Wenn ich die Nachrichten sehe, dann denke ich oft: Wie sollen wir das alles schaffen?
Jonas: Das geht mir auch so. Allerdings finde ich es schwierig, konkrete Themen in der Musik und den Texten aufzugreifen. Das wirkt oft so aufgesetzt.
Martin: Eva, du hast dich immerhin als Vegetarierin für die Tierrechtsorganisation Peta fotografieren lassen und damit öffentlich Stellung genommen. Und du, Jonas, bist auch Vegetarier.
Jonas: Das ist was anderes, das ist ja nicht im Songtext.
Martin: Du bist auf dem Land aufgewachsen, Eva und hast gesagt, dort werde lieblos mit den Tieren umgegangen. Sind Bauern etwa nicht tierlieb?
Eva: Ich habe natürlich nicht wirklich Einblick in die Landwirtschaft, aber schon oft den Eindruck „a viech is halt a viech“. Man steckt vorne Futter rein und hinten kommt das Fleisch in Dosen raus. Auf Bio-Höfen gehen die Bauern vielleicht anders damit um.
Martin: Hast du einen Bezug zu Bio?
Eva: Soweit man den hat, wenn man eben Bioprodukte kauft. Naja, es gibt einen Hof in der Nähe, wo ich mich schon umgesehen habe und ein Bekannter betreibt einen Bio-Versand, da habe ich schon was mitbekommen, wie es bei den Bios zugeht. Irgendwie ist da noch was Ideelles dabei. Denen reicht es nicht, die Schadstoffgrenzen mal so eben einzuhalten, die wollen mehr.
Jonas: Ich hab mal gelesen: Die Deutschen fahren mit den teuersten Autos zum Einkaufen, kaufen die in Europa billigsten Lebensmittel und bereiten sie dann in den teuersten Küchen zu.
Eva: Ja, und bei Bio fühlen sich viele verarscht und über den Tisch gezogen und mäkeln an den Preisen rum. Vorderformschinken für 39 Cent, DAS finde ich eine Verarsche, das ist pervers.

Juli
Der Song „Perfekte Welle“ war 2004 der Durchbruch für die Band, das dazugehörige Album „Es ist Juli“ wurde über eine Million mal verkauft. In ihrem zweiten Album „Ein neuer Tag“ ist die Musik ein bisschen weicher. „Eine Rockband wollen wir nicht sein, da muss man wütend sein und Gitarren auf der Bühne zerschlagen wollen“, kommentiert Sängerin Eva Briegel. Sie und Gitarrist Jonas Pfetzing sind Vegetarier, „der Rest der Band eher nicht. Immerhin hat sich durch den ständigen Aufenthalt in Hotels mit gehobener Küche bei der ganzen Band ein gewisser kulinarischer Anspruch gebildet. Fast Food können wir alle nicht mehr ab.“
Juli live
Juli ist keine Band aus der Casting-Retorte. Folgerichtig legt sie jetzt ein Live-Album vor. Titel: „Ein neuer Tag“. Noch besser kommt die Stimmung allerdings auf der Doppel-DVD im Video rüber. http://juli.pop24.de
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