Interview: Es ist schlimmer als unsere schlimmste Annahme

Der CO² Anteil der Atmosphäre steigt schneller als erwartet, dennoch ist Dr. Mojib Latif der Ansicht, dass eine Katastrophe verhindert werden kann – ohne Einbußen beim Lebensstandard. // Martin Fütterer, Fotos Ulli Schwab

Dr. Latif, Sie sind Klimaforscher, warnen vor dem Klimawandel und sind zu diesem Gespräch von Hamburg nach Frankfurt geflogen. Wie passt das zusammen?

Garnicht. Ohne Flugzeug würde ich allerdings meine Termine nicht schaffen. Persönlich habe ich eine grauenhafte Klimabilanz, bilde mir aber ein, dass es einem höheren Zweck dient. Neben diesem Interview halte ich heute einen Vortrag vor Kindern in einem Internat und berate ein Unternehmen bei der Emmissionseinsparung.

Und privat?

Ich lasse das Auto möglichst stehen und mache zu Hause an der Ostsee Urlaub. Da fängt der Urlaub sofort an.

Gibt es noch Zweifel am Klimawandel und am menschlichen Einfluss?

Nicht wirklich. Spätestens seit der Verleihung des Nobelpreises an die Klimaforschung einerseits und Al Gore als Promoter andererseits steht die wissenschaftliche Tatsache außer Zweifel, dass der Klimawandel stattfindet und dass wir Menschen die vorrangigen Klimamacher sind. Der weltweite CO² Ausstoß hat sich übrigens höher als in unserem Worst Case Szenario entwickelt, übertrifft also die pessimistischsten Annahmen. Panikmache kann man uns also wirklich nicht vorwerfen.

Durch natürliche Schwankungen ist das nicht zu erklären?

Soweit wir das zurückverfolgen können, und das können wir über den Zeitraum von 650.000 Jahren, war der CO² Gehalt der Atmosphäre auch in den wärmsten Zeit nie höher als 300 ppm (Parts per Million, die Red.). Derzeit haben wir 380 ppm. Die letzten Werte vor der Industrialisierung liegen bei 280 ppm. Für die Differenz gibt es keine andere Erklärung als den menschlichen Einfluss.

Aber ist denn eine Klimaerwärmung wirklich so schlimm? Vor hundert, auch vor 30 Jahren hätte man wärmere Winter begrüßt – wegen der Landwirtschaft und wegen der Heizkosten…

Es ist natürlich schön, abends länger im Biergarten sitzen zu können. Aber was wir im Moment an Klimaänderung spüren, beruht auf einem durchschnittlichen Temperaturanstieg von 1°C in Deutschland. Noch in diesem Jahrhundert erwarten wir weitere 4° Erwärmung und dann geht es nicht mehr um ein paar milde Abende, dann haben wir ein Wetter, das sich heute keiner vorstellen kann. Dann bricht die Stromversorgung zusammen, weil die Kraftwerke nicht mehr gekühlt werden können und wir haben Trockenheiten, in denen ganze Ernten verdorren und Überschwemmungen, die keiner beherrscht.

Aber werden wir nicht einfach höhere Dämme bauen und lernen, Kraftwerke anders zu kühlen?

Doch, zumindest teilweise. Ungerecht ist nur, dass die schlimmsten Auswirkungen des Klimawandels diejenigen treffen, die nicht die Mittel haben, sich zu schützen. Das sind die tropischen Regionen. Und die, die am meisten zur Katastrophe beitragen, werden am wenigsten betroffen sein, das sind die reichen Industrienationen der gemäßigten Zonen. Ein Deutscher emittiert 11 Tonnen CO², ein Chinese 3,5 Tonnen, ein Inder 1 Tonne pro Jahr.

Kann man den Entwicklungsländern verdenken, dass sie für sich das Recht fordern, genauso viel Energie und andere Ressourcen verbrauchen zu dürfen, wie die Industrieländer? Nach dem Motto: First get rich and clean up later?

Nein, das kann man nicht. Deswegen macht es Sinn, dass Bundeskanzlerin Merkel ein CO² Budget für jeden Weltbürger vorschlägt. Es dürfte bei 3 Tonnen/pro Jahr  liegen. Damit wir das erreichen, müssen wir in den Industrieländern schnellstens die Emissionen herunterfahren. Und die reichen Länder müssen Technologien entwickeln und den Entwicklungsländern billig oder sogar kostenlos zur Verfügung stellen, die ihnen erlauben, sich zu entwickeln ohne den Weg zu gehen, den wir in Europa vor hundert Jahren gegangen sind und den China heute geht: Erst die Umwelt ausbeuten und dann die Schäden reparieren. Das können wir uns nicht mehr leisten.

In Online-Diskussionen und Gesprächen im Bekanntenkreis gewinne ich den Eindruck, dass die Bürger das Thema Klimawandel überhaben.

Ja, sie sind abgenervt, weil sie sich abgezockt fühlen. Die Appelle ans persönliche Verhalten sind zahllos, die Energiepreise für Privathaushalte steigen, aber das sind nicht die entscheidenden Stellschrauben. Was wir vor allem brauchen, kann der Einzelbürger nicht bewirken: Zunächst eine Reduktion der Emissionen von Industrieanlagen und dann einen Umbau der Industrie und die Entwicklung und Etablierung ganz anderer Technologien.

Ist denn die Politik der Bundesregierung in dieser Hinsicht nicht wirksam?

Die Ziele finde ich gut, die Praxis wird es weisen. Die Probleme sind aber nicht national zu lösen. Regenerative Energien haben alle den Nachteil, dass sie nicht auf Knopfdruck in der gewünschten Menge liefern können und dass man Energie noch immer schlecht speichern kann. Mal weht zu viel Wind, mal zu wenig. Deswegen brauchen wir intelligente, supernationale Stromnetze, in denen Unter- und Überschüsse schnell verteilt werden. So eine Art Internet für den Strom. Dem stehen aber die unterschiedlichen nationalen Strategien im Wege. Die Franzosen meinen, sie hätten genug für den Klimaschutz getan, weil sie auf Atomkraft setzen.

Ist Atomkraft eine Lösung für das Klimaproblem?

Bezogen auf CO²: Ja. Aber wegen der Nebenwirkungen: Nein. Die Irankrise zeigt deutlich: Die zivile Nutzung von Atomkraft führt unweigerlich zu Atomwaffen. Würde die Atomkraft ausgebaut, hätte bald jeder Staat die Atombombe. Was sich als Waffe einsetzen lässt, das wird auch eingesetzt, das zeigt die Erfahrung. Und natürlich ist die Entsorgungsfrage ungelöst.

Was ist die Alternative?

Die Sonne ist meines Erachtens unser wichtigster zukünftiger Stromlieferant. Schon mit heutigen Solarzellen mit einem Wirkungsgrad  von 20% bräuchte man in der Sahara „nur“ die 5-fache Fläche von Niedersachsen, um den Weltenergiebedarf zu decken. Solarzellen werden aber nicht nur in der Sahara stehen, man wird Häuser aus Steinen bauen, die Sonnenlicht in Energie umwandeln.

An Energiemangel werden wir also nicht leiden?

Nein, das denke ich nicht. Wir werden auch unseren Lebensstandard halten und auf nichts verzichten müssen. Im Gegenteil wird die Lebensqualität steigen, wenn wir anstelle von schmutziger Energie saubere Energie erzeugen.

Der österreichische Professor August Raggam behauptet, man könne das ganze bereits zuviel erzeugte CO² aus der Atmosphäre zurückholen, wenn man weltweit Bio-Anbau einführen und eine dickere Humusschicht aufbauen würde.

Die Biomasse zu erhöhen würde helfen, zum Beispiel durch Aufforstung. Aber das reicht nicht und wirkt nur mittelfristig. Irgendwann sind die Wälder groß und die Humusschicht nicht mehr zu erhöhen, sagen wir in 100 Jahren, dann ist das Speicherpotential ausgereizt.

Ist der Klimawandel unser wichtigstes Problem?

Er ist ein sehr wichtiges Problem und es gibt andere ebenso wichtige Probleme: Terrorismus, Kriege, AIDs, Malaria, Armut, andere Formen der Umweltzerstörung. Die sollte man nicht aus den Augen verlieren. Aber oft sind sie mit miteinander verknüpft. Klimaanomalien schaffen Armut und Krankheiten, Elend begünstigt politische Instabilität, Terror und Kriege.

Professor Dr. Mojib Latif

ist als Sohn eines Imams in Hamburg geboren worden und hat seine Kindheit in der Fazle-Omar-Moschee verbracht. Sein Vater erbaute 1957 diese erste deutsche Moschee der Nachkriegszeit in Hamburg. Dennoch ist Mojib Latif nicht mehr Moslem als die meisten Deutschen Christen und ob der Islam zum Thema Umwelt Aussagen macht entzieht sich seiner Kenntnis. 1983 schloss Mojib Latif als Meteorologe sein Diplom ab, er promovierte und habilitierte in Ozeanographie. Heute ist er Professor am Leibniz-Institut für Meereswissenschaften an der Universität Kiel. Bei verschiedenen deutschen Fernsehsendern ist Mojib Latif mit Abstand der gefragteste Experte in Sachen Klimaveränderung.


Über den Autor

Bild von Martin Fütterer

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