Afghanistan

Als die pakistanische Regierung im Swat-Tal die Scharia zuließ, brachen viele Menschen in Jubel aus. Warum? Weil sie zum einen hoffen, dass damit die grausamen Kämpfe ein Ende finden werden. Zum anderen haben die Behörden Sufi Mohammed, den historischen Führer der TNSM, freigelassen. Er vertritt eine – jedenfalls nach der Einigung mit der Regierung in Islamabad – mildere Variante der Scharia als sein Schwiegersohn. Sie sieht keine Enthauptungen vor, keine abgehackten Hände, kein Arbeitsverbot für Frauen und auch nicht das Verbot zu studieren. Alles in allem ist Sufi Mohammeds Scharia vom Paschthunwali, dem Stammesrecht der Paschtunen, durchwirkt. Dabei handelt es sich gewiss nicht um ein rechtsstaatliches System im westlichen Sinne, doch gibt es den Menschen zumindest eine Form von nachvollziehbarer, akzeptierter und wirksamer Rechtsprechung.

Manche Zuwanderer unterwerfen sich problemlos dem westlichen Lebensstil, sie genießen Frieden und Freiheit und sind dankbar dafür. Andere bleiben, wie der Vorsitzende Richter am Hamburger Landgericht Wolfgang Backen sagte, trotz aller Freiheit "gefangen in ihrer hierarchischen Familienstruktur", sie bleiben den Normen ihres Heimatlandes auch oder gerade in der Fremde verhaftet und passen sich nicht an. Sie wollen von dieser westlichen Welt nichts wissen.

Ob Genozid, Bürgerkrieg, Blutrache, Heiliger Krieg, Folter und Hinrichtung im Namen von Religion, Unterdrückung und Behandlung der Frauen als Eigentum und Ware: Es gibt viele Greuel in Afghanistan, aber keines davon haben die Afghanen erfunden. All das gab es auch in Mitteleuropa, und es ist teilweise noch gar nicht lange her. // Martin Fütterer

Gut sieben Jahre nach dem Sturz der radikalislamischen Taliban hat die Mehrheit der Afghanen die Hoffnung auf eine friedliche Zukunft vorerst verloren. Dies ist das Ergebnis einer am Montag veröffentlichten Umfrage, die das afghanische Institut für Sozialstudien im Auftrag des Fernsehsenders WDR, der US-Anstalt ABC und der britischen BBC organisiert hat. Unter der täglichen Erfahrung von Krieg, Gewalt, Korruption und Armut sei auch das anfängliche Vertrauen in die USA und in die Nato in Resignation, Ablehnung und in wachsendem Maße Hass umgeschlagen.

In Afghanistan steigt die Zahl der Attentate auf Hilfsorganisationen dramatisch an. Bisher eher Zufallsopfer, sind sie nun in den Focus des politischen Terrors gerückt. Freunde machen sich die Taliban und Al Qaida damit auf keiner Seite. Schlussfolgerung: Sie müssen sich inzwischen sehr sicher fühlen. // Martin Fütterer aus Kabul

Interview mit der Peacebuilderin und Entwicklungshelferin Kerstin Lepper, Kabul.

Nach 23 Jahren Krieg und Bürgerkrieg mit wechselnden Fronten ist fast jeder in Afghanistan Opfer oder Täter oder beides. Wie arbeitet Afghanistan seine Vergangenheit auf?


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