Interview: Die Gesellschaft ist faul geworden - Ulrich Walter

Global denken, lokal handeln? Das trifft auf Ulrich Walter ganz bestimmt zu. Sein Unternehmen mit der Bio-Marke Lebensbaum pflegt Anbauprojekte in der ganzen Welt, in denen biologisch angebaut und fair gehandelt wird. Gleichzeitig ist Ulrich Walter seit 28 Jahren im Gemeinderat eines 1800-Seelen-Dorfes. // Martin Fütterer
Herr Walter, sie sind seit fast drei Jahrzehnten in verantwortlicher Funktion im Gemeinderat, die letzten Jahre als stellvertretender Bürgermeister. Worauf kommt es in der Kommunalpolitik an?
Als ich in den 70ern damit begann, mich an meinem Wohn- und Geburtsort in die Politik einzumischen, war ich ein Heißsporn. Meine Heimatgemeinde Rehden ist ein Dorf, durch Landwirtschaft geprägt und das bedeutet eben auch traditionell und konservativ. Da hat mir vieles gestunken und das wollte ich ändern. Heute weiß ich, dass sich Dinge nicht so leicht ändern lassen, dass Konfrontation vielleicht Aufmerksamkeit schafft aber auch Widerstand hervorruft, und dass man mit Allianzen mehr erreicht. Man braucht für alles Mehrheiten.
Kommunalpolitik scheint viele Bürger nicht mehr zu interessieren…
Das ist bei uns anders, die Wahlbeteiligung ist bei Kommunalwahlen am höchsten, etwa 70%.
Finden Sie denn auch leicht Menschen, die für den Gemeinderat und andere Ämter kandidieren? Die sind anderswo Mangelware…
Wir haben noch eine recht gesunde soziale Struktur und viele Menschen, die ein Bewusstsein dafür haben, dass es wichtig ist, sich für die Gemeinschaft zu engagieren. Nicht nur, dass wir noch einen Schützenverein haben, wir haben auch noch Menschen, die Schützenkönig werden wollen. Das ist nicht überall so. Unser 1800 Seelendorf hat sich in Niedersachsen eine Zeitlang einen Namen in der 5. Fussballliga gemacht, da spielen sonst Braunschweig, Hannover, Oldenburg. Ich beobachte allerdings, dass es zwar eine große Bereitschaft gibt, sich karitativ zu betätigen, die Suppenküchen für Arme haben ja einen regelrechten Boom. Aber sich politisch zu betätigen und in der Gemeinschaft Verantwortung zu übernehmen, da nimmt auch bei uns die Bereitschaft ab.
Wie erklären Sie sich das?
Oft wird begründet, dass man ja doch nichts bewegen könne. Das empfinde ich als vorgeschoben. Ich werde den Eindruck nicht los, dass die Gesellschaft einfach faul und bequem wird. Das ist sehr schade, denn da wird eine große Chance vertan.
Welche Chance liegt in der Kommunalpolitik?
Wenn lokal kein Einfluss genommen wird, dann wird eben umgesetzt, was auf höherer Ebene entschieden wird: Im Kreistag, Landtag, Bundestag, Europa. Das ist dann aber immer weiter weg von der Basis und der individuellen Situation vor Ort immer weniger angemessen. Die Erfahrung, dass vor Ort nicht passt, was von oben kommt, dass es pauschal, bürokratisch und von Parteiinteressen bestimmt ist, das fördert meiner Ansicht nach massiv die Politikverdrossenheit.
Was wird in der Kommune entschieden?
Hier wird über die Grundversorgung entschieden und damit über einen wesentlichen Aspekt von Lebensqualität. Gibt es vor Ort Arbeitsplätze, Kindergärten, Schulen, Lebensmittelhandel, Ärzte oder muss ich dafür ins nächste Ober- oder Mittelzentrum fahren? Gibt es günstiges Bauland, so dass sich Familien ansiedeln können?
Haben Sie das alles in Ihrem 1800-Seelendorf?
Ja! In Rehden haben wir gegen den regionalen Trend Bevölkerungszuwachs, weil wir die Menschen hier halten können, auch die jungen, und weil sich neue Menschen hier gerne ansiedeln. Grundversorgung in der Nähe zu haben, bedeutet nicht nur Bequemlichkeit sondern auch Möglichkeiten der sozialen Begegnung, beim Arbeiten, beim Einkaufen, bei Schulfesten und Vereinsaktivitäten. Kommunal wird entschieden, ob der Wohnort ein Gemeinwesen ist oder eine Schlafsiedlung ohne Zusammenhalt.
Inwiefern wird auch über die Umweltqualität entschieden?
Mehr als man denkt. Als Gemeinderat ist man ja auch in verschiedene regionale Gremien delegiert, etwa in den Wasserverband, beim Energieversorger, bei der Kreissparkasse, für die Schulpolitik. In Rehden und den umliegenden Gemeinden haben wir weder Wasserwerk noch Energieversorgung an Konzerne verkauft und können deswegen Einfluss auf Qualität, Investitionen und Umweltauflagen nehmen.
Welchen Einfluss haben Sie auf die Landwirtschaft?
In den 70er Jahren haben wir bereits die Flurbereinigung mit Umweltauflagen kombiniert. Heute ist das Standard, damals war es revolutionär, das haben sich sogar Japaner angeschaut. Für die Flächen im Gemeindeeigentum können wir auch den Gebrauch von Pestiziden reglementieren oder verbieten und damit ein Beispiel auch für die Bauern geben.
Ist Rehden eine gentechnikfreie Gemeinde?
Auch das kann man kommunal entscheiden. Bei uns ist das allerdings kein Thema, weil hier kein Bauer daran denkt, gentechnisch veränderte Pflanzen anzubauen. Wir haben noch eine traditionelle Struktur von Familienbetrieben, Gentechnik ist nur was für industriell ausgerichtete Großbetriebe, insofern mussten wir uns einfach noch nicht damit befassen.
Welche Rolle spielt denn die Parteipolitik?
Die hat in in kleinen Kommunen nichts verloren. Die Bürger erwarten sachgerechte Lösungen und sind sauer, wenn mit Parteiinteressen taktiert wird. Gerade bei großen, problematischen Entscheidungen wird erwartet, dass man parteiübergreifend zusammenarbeitet und einfach die beste Lösung für die Gemeinde findet. Allerdings bin ich auch nicht dafür, seine Parteiangehörigkeit in Wählervereinigungen zu verstecken. Wir bilden daher ganz offen eine 2-Personen-SPD-Fraktion in unserem Gemeinderat. Viel mehr als auf das Parteibuch kommt es darauf an, die Chance der Vernetzung zu nutzen.
Herr Walter, Sie sind ein Pionier der Biobranche, mit welchen Vorstellungen sind Sie denn vor über dreißig Jahren gestartet?
Gestartet bin ich ja erst mal nicht mit einem Herstellungsunternehmen sondern mit einem Bioladen auf dem Hof in Rehden, auf dem ich noch immer wohne. So ganz am Anfang hat man ja nicht unbedingt ein klares Bild. Von der kaufmännischen Erfahrung her war ich allerdings kein Anfänger, ich hatte meinen kaufmännischen Beruf in einer Großreederei gelernt, dann den Erzieher studiert und auch ausgeübt und neben diesem Beruf den Laden gegründet. Natürlich waren Naturschutz und gesunde Ernährung dabei wichtige Motive. Als Inhaber eines Bio-Fachgeschäftes wurde mir dann recht schnell klar, dass so ein Laden auch Lieferanten braucht, die ihm verpflichtet sind. Das hat dann zur Gründung meines Herstellungsunternehmens für Tee, Kaffee und Gewürze geführt.
Warum brauchen Bio-Fachgeschäfte spezielle Lieferanten?
Wir wollten ja ein Gegenmodell zur konventionellen Lebensmittelbranche sein und da passt es nicht, wenn man von konventionellen Lieferanten abhängig ist. Unsere Ideen und Visionen ließen sich mit denen nicht umsetzen. Nicht zuletzt waren das auch politisch angehauchte Ideen.
Was für Ideen?
Zum Beispiel die einfache Idee, möglichst alle Lebensmittel in Bio anbieten zu können. Konventionelle Hersteller haben damals dafür einfach keinerlei Interesse gehabt. Wenn man Bio-Tee oder –Gewürze haben wollte, musste man die eben selbst herstellen – mit allem was dazu gehört: Bauern, die das Gewünschte in Bio anbauen, eine hochwertige Verarbeitung ohne Chemietricks, umweltfreundliche Verpackungen, usw. Und natürlich fair, transparent und nachhaltig.
Wie weit ist die Biobranche noch ein Gegenmodell zur konventionellen Lebensmittelbranche?
Die Gesellschaft und wir selbst haben uns inzwischen verändert. Vor dreißig und mehr Jahren war die Gesellschaft noch stark polarisiert zwischen der Nachkriegsgeneration und der Kriegs- und Vorkriegsgeneration, da bestanden regelrechte Feindbilder und wir Jungen mussten ein ganzes Stück weit alles neu erfinden und anders machen. Diese Polarisierung ist heute nicht mehr gegeben. Modell und Gegenmodell haben sich ein ganzes Stück aufeinander zu bewegt. Dabei möchte ich in Anspruch nehmen, dass der Lebensmittelhandel von uns mehr gelernt hat als wir von ihm – immerhin haben die erst mal gar kein Bio angeboten und heute gehört es auch für sie einfach dazu. Das haben sie von uns gelernt.
Was sind dann noch die Unterschiede?
Ein Bio-Fachgeschäft hat als Geschäftsmodell, möglichst 100% Bio anzubieten. In so einem Geschäft gibt es 3.000 bis 10.000 Artikel in Bio-Qualität, im konventionellen Handel im besten Falle 1.000. Für den ist ein Mitnahmegeschäft, für den Bio-Laden oder Bio-Supermarkt die entscheidende bzw. einzige Säule seiner Geschäftspolitik. Das ist viel schwieriger, als sich nur die bequemsten Schnelldreher heraus zu suchen. Die totale Aufspaltung in Gut und Böse allerdings gibt es nicht mehr.
Welchen Handlungsbedarf sehen Sie denn noch bei Bio und Fair?
Bio und Fair sollten nichts Besonderes mehr sein sondern normal. Bei Bio ist das schon ein Stück weit der Fall, bei Fair hat es noch so etwas Exklusives und Karitatives, das mir missfällt. Es sollte in der Werthaltung einer Gesellschaft verankert sein zu wissen, dass man mit extrem günstigen Preisen nicht alle Kriterien für alle Beteiligten immer einhalten kann. Das spricht nicht dagegen, dass jemand mal Überschüsse günstig auf den Markt wirft und dabei einen Zusatzertrag hat. Aber es spricht dagegen, dass jemand in der Not und dauerhaft billiger verkaufen muss als er sich leisten kann, egal ob er als Bauer oder Unternehmer seine Produkte oder als Arbeitnehmer seine Arbeitskraft zum Markte tragen muss. Die Konsequenzen sind soziale und volkswirtschaftliche Schäden, die wir ja schon in großem Ausmaß beobachten. Sie verlangen, soweit sie nicht einfach den Betroffenen aufgebürdet werden, von uns allen in immer höherem Maße Transferleistungen, in Form von Sozialhilfe, Entwicklungshilfe, den Kosten höherer Kriminalität, den Kosten von Verteilungskämpfen und Verelendung.
Der Preiskampf bei Bio ist aber doch schon voll ausgebrochen...
Derzeit bilden sich ja mehrere Machtblöcke. Da sind die Filialunternehmen, also Bio-Supermärkte mit Zentrale und verschiedenen Verkaufsstellen. Da sind Naturkost-Großhändler, die begonnen haben, ihre Einzelhandelskunden zu einer Einkaufsgemeinschaft zusammen zu schließen und so Einfluss zu konzentrieren. Auch Einzelhändler selbst versuchen sich derart zusammen zu schließen, aber das erscheint weniger aussichtsreich. Dann gibt es die großen Unternehmen des Lebensmitteleinzelhandels und die Discounter.
Welche Auswirkungen haben diese Machtblöcke?
Einzelhändler, die sich keinem dieser Blöcke anschließen, werden möglicherweise Wettbewerbsnachteile erleiden, zum Beispiel über schlechtere Einkaufskonditionen. Diese Konzentrationen sollen ja Einkaufsmacht bündeln, also günstigere Einkaufspreise durchsetzen, mit dem Ziel andere Händler im Verkauf preislich unterbieten zu können und den Konkurrenten so Marktanteile abzunehmen. Dazu muss man ja wissen, dass in einer Gesellschaft ohne Bevölkerungswachstum ein Wachstum im Lebensmittelbereich immer nur zu Lasten anderer Unternehmen gehen kann, zumindest der Menge nach.
Das entspricht ja der Entwicklung des konventionellen Lebensmittelmarktes, wo heute wenige Handelskonzerne die Preise diktieren. Der Biohandel ist doch, wie Sie selbst sagen, angetreten, eine Alternative zu bieten.
Ja, die Entwicklung ist ähnlich und die Auswirkungen werden möglicherweise ähnlich sein. Die Produkthersteller, also Bauern und Verarbeiter, werden mit immer niedrigeren Preisen leben müssen und Schwierigkeiten haben, die Qualität zu halten. Über größere Absatzmengen kann man zwar auch Kosten senken, aber der Preisdruck geht ja darüber hinaus. Der Handel kämpft um Marktanteile und außer dem Preis fällt im dazu oft kein Mittel ein.
Sind Händler, selbst Discounter, nicht auch an stabilen Lieferantenbeziehungen interessiert? Schließlich kann nicht jeder die erforderliche Qualität zu jeder Zeit in jeder beliebigen Menge liefern...
Im Zuge der Globalisierung wird das immer weniger ein Problem sein. Da werden internationale Ausschreibungen gemacht und da bieten dann auch Billiglohnländer mit, die in der Regel auch einen Währungsvorteil haben. Professionell Produzieren kann man fast überall – der billigste Standort gewinnt.
Wo sehen Sie Bio in der Zukunft?
Bio steht für mich im Einklang mit mittel- und langfristig notwendigen Bewusstseinsänderungen: Dass wir begrenzte Ressourcen haben und dass wir Wirtschaftserträge gerecht teilen müssen. Insofern hat Bio für mich eine große Zukunft – zwangsläufig.
Wird Bio nicht auch verwässert werden?
Stellenweise vielleicht schon, insgesamt glaube ich nicht an diese Gefahr. Allerdings ist dafür eine Voraussetzung eine Vielfalt von Verkaufsstellen. Also weiterhin selbstständige Fachgeschäfte neben Bio-Supermarktketten neben Bio im normalen Handel. Die Notwendigkeit, sich als Verkaufsstelle gegen andere abzugrenzen führt zwar zu dem oben beschriebenen Preiskampf, aber es funktioniert auch in der anderen Richtung: Wenn man den Wettbewerber preislich nicht unterbieten kann, muss man Qualität anbieten können. Wettbewerber müssen sich immer an beidem messen: An den Preisen und an der Qualität. Wenn es diesbezüglich Vielfalt gibt, können Kunden entscheiden, was ihnen wichtig ist.
Entscheiden sich Kunden denn nicht meistens für den Preis?
Die Erfolgsgeschichte von Bio macht da Hoffnung. Sie belegt, dass es verschiedene Handelsformen geben muss, damit Qualität eine Chance hat. Bio hatte in den 70ern im normalen Handel keine Chance und die Verbraucher keine Möglichkeit, sich dafür zu entscheiden. Also musste eine neue Handelsform her, und die hat erreicht, dass es Bio heute überall geben muss, weil Verbraucher das so wollen. Vielfalt im Handel gibt Qualität eine Chance, eine übergroße Konzentration wie im konventionellen Lebensmittelhandel fördert den Preiskampf und reduziert auch die Wahlmöglichkeiten für Verbraucher.
Ulrich Walter...
... führt seit dreißig Jahren eines der erfolgreichsten Bio-Unternehmen, die Ulrich-Walter GmbH in Diepholz mit fast 100 Mitarbeitern und der bekannten Marke „Lebensbaum“ für Bio-Tee, Kaffee, Kräuter und Gewürze. Er ist gelernter Kaufmann und Erzieher und hat als solcher ein Jugendzentrum geleitet, während er 1980 nebenberuflich seinen ersten Naturkostladen gründete, die Keimzelle für das spätere Unternehmen. Neben seiner Unternehmertätigkeit pflegt er viele Ehrenämter, unter anderem ist der Vorstand der Bundesverbandes Naturkost/Naturwaren Herstellung und Handel e.V., seit 28 Jahren im Gemeinderat, engagiert bei B.A.U.M. und der Diepholzer Bürgerstiftung und seit 2009 auch im deutschen Kuratorium des WWF. Seine Tochter arbeitet im Unternehmen mit.
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