Portrait: Wandlung einer Materialistin - Hoffnung bei Polyarthritis durch Ayurveda
Sie wollte gerne sein wie ihre Kunden: Als Edelschneiderin bediente Katja Schlagloth die Reichen und Schönen. Auf dem Gipfel ihres Erfolges erkrankte sie unheilbar an Polyarthritis und musste Beruf und Geschäft aufgeben. In Indien fand sie Heilung und eine neue Einstellung zum Leben. Eine Ayurveda-Reportage des Autors spielte dabei eine wichtige Rolle. // Martin Fütterer
Sechzehn Stunden am Tag arbeitete Katja Schlagloth in ihrem eigenen Schneideratelier in Euskirchen. Hier wurden Roben und Anzüge für die feine Gesellschaft angefertigt, getragen auf Hochzeiten, Empfängen oder auf dem Wiener Opernball. Katja garantierte ihren Kunden Exklusivität, nie würde ein Kunde oder eine Kundin die Peinlichkeit erleben, dass jemand anders das gleiche Modell trägt. Entsprechend fünfstellig waren die Preise. Katja wollte ihre reichen Kunden nicht nur bedienen, sie wollte auch dazugehören. Geld, Schmuck, ein dickes Auto und andere Statussymbole waren ihr wichtig. Von den hässlichen Aspekten der Welt wandte sie den Blick ab, außerhalb ihrer Familie war ihr das Schicksal anderer Menschen mehr oder weniger egal.
1999 war sie dreiundvierzig Jahre alt und auf dem Gipfel des Erfolges. Da brach über Nacht ihr Leben zusammen. Sie erwachte mit starken Schmerzen in Füßen und Händen. Obwohl sie mit zusammen gebissenen Zähnen noch drei Jahre ihre berufliche Existenz aufrecht erhielt, war das Ende nicht mehr abzuwenden. Sie begann eine Odyssee zu verschiedenen Ärzten und Kliniken. Eine verschleppte Lungenentzündung und Borrelliose wurden ausgeschlossen, ebenfalls schlichte Überarbeitung und Erschöpfung sowie psychosomatische Ursachen. Schließlich lautet die Diagnose „chronische Polyarthritis“ oder Gelenkrheumatismus, eine Autoimmunerkrankung, bei der der Knorpel der Gelenke vom Körper als feindliches Gewebe eingestuft und vom Immunsystem angegriffen wird. 2002 gab Katja Beruf und Geschäft auf.
Die Therapie: Kortison gegen Entzündungen, hoch dosierte Schmerzmittel und Methotrexat (MTX), eine Chemotherapie, die das Immunsystem unterdrückt, damit es den körpereigenen Knorpel nicht länger angreift. Perspektive: Im Prinzip unheilbar, allenfalls den Verfallsprozess aufhalten könne man, vielleicht eine leichte Linderung erreichen. Die MTX-Therapie brachte zunächst tatsächlich leichte Besserungen, dann aber massiver Nebenwirkungen. Zähneklappernd lag Katja nachts mit Schüttelfrost im Bett, das Herz machte Probleme. Nach neun Monaten Martyrium setzte Katja 2003 das MTX ab. Sie konnte praktisch nicht mehr laufen und die Hände kaum noch gebrauchen. Die Schmerzen waren mörderisch.
Nach Absetzen der MTX-Therapie stellte Katja 2002 zunächst ihre Ernährung um und lebt fortan fast 100% vegan, also nicht nur vegetarisch, sondern auch ohne Milchprodukte und Eier. Katja mied damit den Milchzucker Laktose. Nur gelegentlich kam Fisch aus dem tiefen Meer auf den Tisch als Lieferant von Vitamin D. Es trat eine leichte Besserung der Beschwerden ein. Katja setzte die Schmerzmittel ab und reduzierte das Kortison um drei Viertel. Dennoch war sie weiterhin zu 80% bewegungseingeschränkt.
Als Katja mir heute diese Geschichte erzählt, mag ich sie der schlanken Frau mit den eleganten Bewegungen kaum glauben. Sie marschiert wieder 20km weit in flottem Schritt und weder an Händen noch Füßen kann ich Bewegungseinschränkungen bemerken. Sie erzählt mir ihre Geschichte im Matha Ayurvedic Hospital in Alleppey in Kerala, dem südlichsten Bundesstaat von Indien. Dass ich hier als Autor in meiner eigenen Geschichte auftrete und dass wir beide in Indien sind, hat seinen Grund: Es war meine Reportage über eine Ayurveda-Kur in Indien im Jahr 2003 in der Zeitschrift Schrot&Korn, die Katja dazu bewogen hat, ganz neue und sehr drastische Schritte zu ihrer Genesung zu übernehmen.
Noch ein ganzes Jahr brauchte sie, um sich innerlich und äußerlich auf den großen Schritt vorzubereiten, 2004 war es dann soweit. Sie ließ sich von Karin Drexler im badischen Ötigheim beraten, die sich mit ihrer kleinen Agentur Globalveda darauf spezialisiert hat, deutschen Patienten Ayurveda-Kuren in Indien zu vermitteln. Ayurveda ist ein 5000 Jahre altes Naturheilsystem, das in Indien 40% des offiziellen Gesundheitssystems ausmacht. Während der Begriff in Deutschland keinerlei Kontrolle unterliegt, muss ein ayurvedischer Arzt in Indien wie sein schulmedizinischer Kollege ein fünfjähriges Universitätsstudium absolvieren, und jeder ayurvedische Masseur und jede Krankenschwester brauchen ein staatlich anerkanntes Diplom. Abgesehen, davon, dass es dann wie in Deutschland unterschiedlich gute Ärzte gibt, besteht für deutsche Patienten die Herausforderung darin, wieviel Ayurveda und insbesondere wieviel Indien sie verkraften.
Eine ernsthafte Ayurveda-Behandlung verlangt ein Maß an Zeit, Disziplin und Einschränkung aller Aktivitäten, das Westler oft nicht bereit sind aufzubringen – und Indien ist eben Indien: Drittweltland, Supermacht, tägliches Chaos und spiritueller Supermarkt. Auf Westler spezialisierte Kurkliniken haben daher ihre Berechtigung. Sie schirmen deutsche Patienten gegen all zu indische Verhältnisse ein wenig ab, die Behandlungsdichte ist weniger hoch, der Komfort und die persönliche Freiheit dafür umso höher und die Erfolge bei leichten und mittelschweren Erkrankungen oder einfach zum Auftanken sind durchaus sehenswert. Wenn es um existenzielle Erkrankungen geht, dann stoßen diese Einrichtungen an ihre Grenzen – nicht weil sie weniger kompetent sind, sondern weil dann von den Patienten ein anderes Maß an Mitwirkung verlangt werden muss. Abgesehen davon kosten sie mehr, als hochkarätiges Ayurveda in Indien kosten muss.
Katja entschied sich für die hochkarätigste Medizin bei verträglichem Preis und damit für ein Höchstmaß an Indien – ohne zu ahnen, worauf sie sich da einließ. Karin Drexler vermittelte ihr einen Platz in einer kleinen Privatklinik etwas außerhalb der keralesischen Hauptstadt Trivandrum. Sie hatte keinerlei Komfort, war ganz auf eher arme indische Patienten zugeschnitten aber medizinisch top. Die anspruchsvolle High-Society-Katja erlitt erst mal einen Schock. Im Zimmer ein Metallbett mit dünner Matratze, ein Metallschrank, ein Tisch, ein Plastikgartenstuhl und eine nackte Birne an der Decke. Bad und Toilette äußerst primitiv und weit von deutschen Standards entfernt. Es hätte auch ein Knast sein können.
Katjas erster Impuls war Flucht, aber sie blieb. Ihr war klar, dass hier nicht nur ihre Krankheit behandelt werden würde. Um es hier aushalten zu können, würde sie ihr Leben und ihre Lebenseinstellung komplett über den Haufen werfen müssen. Diese Bereitschaft, sich von allem alten zu trennen und sich auf etwas völlig Neues einzulassen, war für ihren Heilungsprozess vielleicht ebenso entscheidend, wie die eigentliche Behandlung. Als einzige Westlerin unter lauter Indern und im unmittelbaren Kontakt mit armen und schwerkranken Menschen fand Katja in dieser Klinik ein Zuhause, wo sie es niemals erwartet hätte. Mit Geschenkpapier als Tapete und einigen Baumwolltüchern verlieh sie ihrem kargen Zimmer einen Hauch von Heimeligkeit. Vor allem aber verließ sie sich darauf, dass ihr diese wildfremden Menschen mit ihrer unbegreiflichen Kultur helfen würden.
Wie im Ayurveda üblich begann die Behandlung mit einer sechswöchigen Ausleitungskur „Panchakarma“, bei der alle Giftstoffe aus dem Körper geschwemmt werden und das Immunsystem neu austariert wird. Katjas Körper bäumte sich auf. Die Nägel an Fingern und Füßen verdrehten sich von den ausgeschiedenen Giftstoffen. Die Nase wurde rotblau wie bei einem Alkoholiker, die Augen schwammen in Sekret und auf dem Leintuch bildeten sich braune Krusten unter Hüften und Schultern von den ausgeschwemmten Schlacken.
Nach fünf Wochen kommt es zur Krise. Katja glüht mit hohem Fieber. Sie ist völlig erschöpft, so erschöpft, dass sie schon keine Angst mehr empfindet, obwohl sie überzeugt ist, dass sie das nicht überleben wird. Ihre Ärztin Dr. Geetha erweist sich als Fels in der Brandung und deutet ihr diese Krise als Teil des Heilungsprozesses, dem sie sich hingeben kann und muss. Tag und Nacht wechseln sich Ärztin und Pfleger an Katjas Bett ab.
In ihrem alten Leben hatte sich Katja vom katholischen Glauben ihrer Kindheit losgesagt. In Indien findet sie ihn wieder. In ihrem Krankenzimmer hat sie einen kleinen Altar mit einem Christusbild aufgebaut. Fiebernd auf der Seite liegend schaut sie auf dieses Bild und hat eine Vision. „Hast du vergessen, dass ich vierzig Tage in der Wüste war und nichts gegessen und getrunken habe, da ging es mir nicht anders!“ hört sie den Christus sprechen. Er teilt ihr mit, dass sie im Leben noch eine Aufgabe habe. Ohne zu wissen, was diese Aufgabe ist, sagt Katja in ihrem Herzen „Ja!“ zum Leben. Eine Woche später wird sie entlassen. Sie kann wieder einigermaßen gehen und hat etwa 50% ihrer Bewegungsfähigkeit wieder erlangt.
Von allen Ländern dieser Erde war Indien das letzte, in das Katja hätte reisen wollen. Jetzt aber hatte sie sich in das Land verliebt. Von 2004 bis 2008 flog sie jedes Jahr für mehre Monate nach Indien, um Land und Leute kennen zu lernen. Auch die Behandlung ihrer Krankheit ging intensiv weiter. Bis Ende 2008 hat Katja rund 26 Wochen in verschiedenen indischen Ayurveda-Kliniken verbracht. Rund 15.000 Euro hat sie für Flüge und Behandlung ausgegeben, ein Spottgeld in Anbetracht mitteleuropäischer Behandlungskosten und im Verhältnis zum Erfolg. Ihre Bewegungsfähigkeit ist zu gut 80% wieder hergestellt, sie kommt ohne Schmerzmittel aus und mit einer geringen Dosis Kortison. Auch wenn der Schneiderberuf für Katja nicht mehr in Frage kommt, kann sie ein weitgehend normales Leben führen.
Normalität allerdings ist für Katja nicht mehr erstrebenswert. Sie träumt davon, ganz in Indien zu leben und zu arbeiten. Von ihrem aktuellen Kuraufenthalt im Matha-Ayurvedic-Hospital in Alleppey fliegt sie nach Deutschland, um ein Studium der Betriebswirtschaft anzutreten. Als erfahrene Damen- und Herrenschneidermeisterin mit eigener Atelier- und Designerfahrung rechnet sie sich Chancen aus, eine Führungsposition in einem Textilunternehmen zu bekommen. Entsprechende Stellenausschreibungen hat sie schon gefunden. Vielleicht aber wartet noch eine andere Aufgabe auf sie. In ihrem alten Leben hat sie den Blick auf das Elend anderer möglichst vermieden hat, seit ihrer Wandlung findet sie Freude daran, sich um kranke und schwerkranke Menschen zu kümmern.
Reportage über eine Ayurveda-Behandlung in Indien 2003
Beratung bei der Auswahl einer Klinik in Indien
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- Indien-Blog 7: Matha Ayurveda Hospital - wie bei Muttern
- Dokumentarfilm "Indiens Weg des Heilens" über Ayurveda auf Phoenix als Video

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