Interview: Dann bist du nicht mehr meine Mama - Marion Kracht
Sie ist eine von Deutschlands aktivsten Schauspielerinnen und findet doch Zeit, für die Aktion Bio-Brotbox in Berlin Pausenbrote zu packen und andere Ehrenämter zu pflegen. Marion Kracht über Theater ohne Sprache, Prostituierte in Indien und gute Gründe, kein Fleisch zu essen. // Martin Fütterer, Fotos: Anna Weise
Sie haben für eine Theaterrolle in Gebärdensprache gespielt. Haben Sie Gehörlose in der Familie?
Nein, die Gebärdensprache habe ich 1998 für die Rolle der Sarah in dem Theaterstück „Gottes vergessene Kinder“ gelernt. Ich kann sie auch nicht besonders gut. Aber ich habe seither gelegentlich andere Rollen bekommen, in denen Gebärdensprache verlangt wurde.
Sagen Sie mal was in Gebärdensprache!
Oh je, was soll ich denn jetzt sagen… (macht eine Reihe von Gebärden).
Und was hieß das jetzt?
Ich will nach Hause.
Na, so schnell sind wir mit dem Interview aber nicht fertig, ein bisschen müssen Sie noch bleiben. Ist die Gebärdensprache denn schwer zu erlernen?
Einfach ist es nicht. Es gibt ja auch verschiedene Dialekte. Diese Gebärde heißt zum Beispiel in Berlin „Sohn“ und in Frankfurt „Puff“. Für eine Folge von SOKO sollte ich in einer Szene die österreichische Gebärdensprache sprechen. Da habe ich gesagt: Tut mir leid Jungs, ich kann euch nur die deutsche bieten. Das ist auch für die Gehörlosen selbst ein schwieriges Thema, zumal sie diese, ihre eigene Sprache, erst seit wenigen Jahren systematisch in den Gehörlosenschulen lernen. Bis dahin war das meistens nicht einmal ein Nebenfach, geschweige denn eine anerkannte Sprache.
Aus den 80er Jahren kenne ich die Ansicht, dass Gehörlose unbedingt die Lautsprache lernen sollen, damit sie sich mit Hörenden verständigen können und nicht isoliert sind.
Ja, da wurden sogar Hände festgebunden oder das Essen verweigert, wenn das gehörlose Kind nicht mit gesprochenen Worten darum bat. Gleichzeitig hat man ihnen ihre eigene Sprache vorenthalten, das finde ich barbarisch. Die Intelligenz entwickelt sich mit der Sprache und wenn man dann gezwungen ist, eine zu sprechen, die man aufgrund der Behinderung nur bruchstückhaft erlernen kann, dann gibt es erhebliche Entwicklungsdefizite. Gehörlose Kinder, die ohne Gebärdensprache aufgewachsen sind, konnten oft keine Fragen in Bezug auf Vergangenheit oder Zukunft beantworten, sie haben dafür einfach keinen Begriff entwickeln können.
Was war die besondere Herausforderung diese Rolle zu spielen?
Alles ist reduziert auf Mimik, Gestik und eine Gebärdensprache, die das Publikum nicht versteht. Auch wenn mein Gegenüber manche Passagen laut mitgesprochen hat, blieb doch ein Teil unübersetzt. Und doch musste ich ja die ganze Persönlichkeit rüberbringen, und zwar bis in die fünfzigste Reihe.
Sie haben für die Rolle den Inthega-Theaterpreis bekommen aber 2002 auch das Bundesverdienstkreuz.
Das war sowohl für die Rolle als auch für mein Engagement im Gehörlosenverband, zu dem man mich aufgrund der Rolle dann gebeten hat. Im Übrigen, als der Anruf kam, ich würde diesen Preis bekommen, dachte ich, es sei ein Gag von Versteckte Kamera. Leider mache ich da inzwischen gar nichts mehr, weil dieser Verband, sagen wir mal, nicht besonders gut organisiert ist.
Sie engagieren sich auch bei PLAN-International.
Ja, ich habe zwei Patenkinder und war anlässlich des internationalen Mädchentages, den diese Organisation ins Leben gerufen hat, jüngst in Indien.
Wie geht es Mädchen in Indien?
Beschissen.
Was haben Sie erlebt?
Zum Beispiel die Töchter von Prostituierten. Offiziell ist Prostitution in Indien verboten, offiziell gibt es keine Prostitution, aber natürlich gibt es sie doch. Die Frauen sind aufgrund ihrer Illegalität völlig rechtlos. Alle paar Wochen kommt die Polizei, nimmt einige mit und sperrt sie ein, weil sie ja gegen das Gesetz verstoßen. Sie nehmen ihnen das Geld ab und vergewaltigen sie. Die Polizei die Frauen.
Und die Töchter?
Es wie eine Kaste: Die Tochter einer Prostituierten muss wieder Prostituierte werden, zumindest die Erstgeborene. Die Kunden erwarten es und bedrängen die Mädchen, vergewaltigen sie notfalls einfach. In PLAN-Projekten wird diesen Mädchen der Schulbesuch ermöglicht, so dass sie aus diesem Teufelskreis aussteigen und einen Beruf erlernen können.
In welchem Alter?
In jungem Alter.
Wie geht es den anderen Mädchen in Indien?
Ach das weiß man doch: Sie sind unerwünscht. In manchen Regionen ist das Verhältnis Jungen zu Mädchen zehn zu eins. Sie werden abgetrieben oder nach der Geburt getötet. Die Ursache ist der Brautpreis, der zwar seit Gandhi ungesetzlich ist aber dennoch erwartet wird und eine arme Familie ruinieren kann. Selbst die Mütter wollen möglichst nur Söhne.
Warum?
Als Frauen müssen sie einfach alles im Haushalt erledigen und die einzige Chance auf Entlastung ist eine Schwiegertochter, die der Sohn mit nach Hause bringt und die ihr dann zu Diensten sein muss. Wenn eine Familie nur Töchter hat, dann „wässert sie die Felder der anderen“, wie man in Indien sagt. In PLAN Projekten ist es Bedingung, dass kein Brautpreis bezahlt werden darf, sonst gibt es keine Förderung.
In Indien wurden Sie auch zur Vegetarierin.
Ja, dass war 1990. Wenn Sie sehen, unter welchen hygienischen Bedingungen in Indien Fleisch angeboten wird, dann wollen Sie einfach keines essen: Ungekühlt, von Straßenstaub und Fliegen bedeckt – neee, lieber nicht.
Sie sind dann aber dabei geblieben.
Ja, das hatte dann ökonomische, soziale und gesundheitliche Gründe. Ich will nicht mehr unterstützen, dass Tiere den Menschen die Nahrung wegessen. Ich will nicht mehr unterstützen, dass man mir ungefragt Jod, Antibiotika und Gensoja unterjubelt, nämlich im Tierfutter.
Und die Tierethik?
Ich war mal Hochseefischen und hab da so einen größeren Fisch gefangen. Wie die den behandelt haben, noch nicht mal getötet, sondern lebend in eine Box geworfen… Da schüttelt´s mich heute noch. Allerdings: Manchmal esse ich doch Fisch. allerdings darf das mein jüngerer Sohn Tizian nicht mitbekommen. Wenn ich in seiner Gegenwart Fisch esse, dann sagt er: Wenn du so einen Fisch totmachst, dann bist du nicht mehr meine Mama!
Ist das auch der, der jetzt das Bio-Schulfrühstück bekommt, die Biobrot-Box?
Ja, da war er ganz stolz, dass ich das offiziell unterstützt und stundenlang Boxen gepackt habe, damit Schulkinder ein Bio-Pausenbrot bekommen. Als Vegetarier kommt man zwangsläufig irgendwann zu Bio, bei mir war das schon vor achtzehn oder neunzehn Jahren, als man dafür noch verlacht wurde. Als ich gefragt wurde, ob ich Patin für die Bio-Brotbox-Aktion sein will, habe ich gerne „ja“ gesagt.
Gibt es eine spezielle Geschichte dazu, wie Sie zu Bio kamen?
Ach, das ist schon so lange her. Mich hat gesunde Ernährung interessiert und der Geschmack überzeugt und der schonende Umgang mit der Natur war mir wichtig. Aber eine Geschichte, ein „Erweckungserlebnis“ ähnlich dem, wie ich Vegetarierin wurde, gibt es da nicht.
Wie hat sich Bio in Ihren Augen seither verändert?
Zum Guten und zum Schlechten. Gut ist, dass man nicht mehr als Müslifresser angesehen wird und die Produkte ansehnlicher geworden sind. Gut finde ich, dass es Bio-Supermärkte gibt, die eine große Auswahl bieten. Weniger gut finde ich, dass es Produkte wie Äpfel nicht mehr nur aus Deutschland gibt sondern auch aus Australien. Bei einer Mango verstehe ich das, die gibt es hier nun mal nicht. Aber Äpfel?
Was ist derzeit ihr liebstes Filmprojekt?
Vielleicht die Hebamme Antonia in „Liebe Babies“ im ZDF. Das ist eine mutige, unkonventionelle Frau, die für ihre werdenden Mütter auch unorthodoxe Wege geht und zum Beispiel Homöopathie mit Schulmedizin kombiniert. Die Reihe spielt normalerweise am Tegernsee, aber die letzte Folge haben wir in Namibia gedreht, sie wurde am 26. April gesendet.
Der Hebammenberuf hat sich in den letzten Jahrzehnten sehr gewandelt...
Ja, allerdings. In den 60ern wurden die Hebammen von den Herren in Weiß völlig entmachtet und Geburten wie Operationen durchgezogen. Heute ist die Hebamme bei einer Geburt wieder die Chefin und der Arzt wirklich nur für den Notfall zuständig. So sollte es auch sein und so spiele ich das auch gerne.
Marion Kracht...
... ist eine von Deutschlands meistbeschäftigten Schauspielerinnen und ist vor der Kamera ebenso zuhause wie auf der Theaterbühne. Für ihre Rollen lernte sie das Segeln, Reiten, Tauchen, Tennis, Ski, Wasserski- und Motorradfahren. Sie spielt Klavier und tanzt. Sie spricht Englisch, , Italienisch und die Gebärdensprache. Sie erhielt die silberne Kamera, den Inthega-Theaterpreis und das Bundesverdienstkreuz für ihre Rollen und ihr soziales Engagement. www.marionkracht.de
Buchtipp
Stumme Stimmen
...heißt ein Buch von Oliver Sacks, dem Neurologen, der so einfühlsam die Welt von Menschen beschreibt, die die Welt anders wahrnehmen. Es ist eine Entdeckungsreise in die Welt der Gehörlosen, der ausdruckvollen Stille.
ISBN-10: 3499191989
ISBN-13: 978-3499191985
- Kommentar schreiben
- Versenden
- 4310 Aufrufe
Verwandte Beiträge
- "Erst mit zwei Frauen wurde die Geschichte sexy"
- Interview: Die Gesellschaft ist faul geworden - Ulrich Walter
- Interview: Extrem glücklicher Verlauf, Ayurveda Behandlung von chronischer Polyarthritis - Dr. D. Pick
- Interview: Handeln mit Standpunkt - Ernst Härter
- Interview: Monsanto auf der Spur - Marie-Monique Robin

Delicious
Digg
StumbleUpon
Propeller
Reddit
Magnoliacom
Newsvine
Furl
Facebook
Google
Yahoo
Technorati
Icerocket
maennerherz home
Diesen Beitrag
Neueste Kommentare
vor 10 Wochen 2 Tage
vor 13 Wochen 5 Tage
vor 15 Wochen 2 Tage
vor 37 Wochen 10 Stunden
vor 45 Wochen 3 Tage
vor 1 Jahr 3 Wochen
vor 1 Jahr 3 Wochen
vor 1 Jahr 14 Wochen
vor 1 Jahr 14 Wochen
vor 1 Jahr 18 Wochen